Samstag, 31. Januar 2015

Mystisch: Sommernachtsfrauen

Sommernachtsfrauen (orig. Centuries of June) 
von Keith Donohue 
2013 C. Bertelsmann Verlag 
ISBN 978-3-580-01128-7

Jack findet sich am Boden seines Badezimmers wieder. Wie er genau dort hingekommen ist, bleibt ihm erst einmal ein Rätsel, er nimmt an, es war ein Sturz. Außer seinem Kater Harpo leistet ihm noch ein älterer Herr (ist er nun Samuel Beckett oder nicht?) Gesellschaft, während Jack sich in einem stetig voller werdenden Badezimmer wieder findet. Zunächst der alte Mann, der ihm gar so bekannt vorkommt, dann eine Frau, eine zweite, eine dritte … bis es schließlich sieben sind an der Zahl. Eine ganze Menge Frauen für so ein kleines Badezimmer. Was wollen sie alle von Jack? Zu acht lagen sie ruhig schlummernd in seinem Bett zu Beginn dieses Sommernachtsalptraums, doch nicht genug: Jedes Mal, wenn eine das Bad betritt, um dort zu bleiben, ist der erste Versuch ihrerseits, Jack zu töten - und das zum Teil mit großer Beharrlichkeit. 
Konnte Harpo eigentlich immer schon sprechen? Ist es ein absurder Traum, in den Jack da hineingerissen wurde? Der alte Mann erzählt ihm nicht alles, rettet ihn nur jedes Mal aufs Neue vor den schönen Furien, die für ihren Furor mehr als nur einen guten Grund bereithalten. S’ee ist die erste, die nach ihrem vereitelten Mordversuch ihre Geschichte erzählt. Es soll nicht die letzte bleiben in dieser endlosen Nacht der Frauen. All diese Geschichten scheinen eine Gemeinsamkeit zu haben: Jack. Wie kann das aber sein? Weshalb machen ihn diese exotischen, schönen, verführerischen, mordlüsternen Frauen verantwortlich für ihre tragischen Lebensschicksale? Wie kann er an der Verurteilung von Alice als Hexe im Salem des 17. Jahrhunderts schuld sein? Wie ist er in all diese gescheiterten Schicksale involviert – Dolly, Jane, Flo, Adele, und all die anderen? Was hat es mit den Bruchstücken von Jacks Traum über die Frauen auf sich, den er einfach nicht ganz zu fassen bekommt? 
Am Ende ist da trotz der tatkräftigen Hilfe des alten Mannes noch eine Frau übrig, die sich nicht zeigt und keine Anschuldigungen gegen Jack erhebt. Wer ist sie in diesem bunten, exotischen Reigen an Frauen quer durch alle Ethnien und Jahrhunderte? Ist sie am Ende der Schlüssel?

Blutiger Schicksalssog: Das Polykrates-Syndrom

Das Polykrates-Syndrom 
von Antonio Fian 
2014 Literaturverlag Droschl 
ISBN 978-3-85420-950-8

Artur, der Protagonist und Ich-Erzähler des Romans, führt ein eher inhaltsloses Leben: Obgleich er Akademiker ist, arbeitet er in einem Copy-Shop und gibt nebenberuflich Nachhilfe. Seine Ehe verläuft mittlerweile auch mehr als unspektakulär, er hat sich seiner Ehefrau Rita im Grunde untergeordnet. Die Romanhandlung setzt ein, als Artur eines Abends im Copy-Shop Alice begegnet. Alice, eine femme fatale, hinterlässt ihm eine Nachricht im Kopierer, auf Grund derer Artur ihr nachgeht. Diese Begegnung wird Arturs unspektakuläre Existenz ein für alle Mal aus ihren geordneten Bahnen werfen und nicht nur das: eine surreale Abwärtsspirale beginnt. Denn Alice hat einen gewalttätigen Ex-Freund, von beiden nur Arschloch genannt, der nach einer Begegnung mit Alice nicht mehr zu den Lebenden zählt. Artur beschließt, ihr zu helfen Arschlochs Leiche zu verstecken und das Schicksal nimmt seinen Lauf …

Rapunzel, reiß dir dein Haar nicht aus... Zwischen zwei Fenstern

Zwischen zwei Fenstern (orig. Creepy and Maud) 
von Dianne Touchell 
2014 Königskinder Verlag 
ISBN 978-3-51-56004-9

Creepy wird er in der Schule genannt. Er ist ruhig und will lieber unsichtbar bleiben, er beobachtet die anderen lieber, als selbst involviert zu werden. Man könnte Creepy einen hochintelligenten Voyeur nennen. Wenn er nicht gerade in seinem Collins English Dictionary Wörter und deren Bedeutung nachschlägt, dann beobachtet er sie mit seinem Fernglas. Das Mädchen von gegenüber. Das Mädchen, mit dem tizianroten Haar. Sie ist ein wenig fülliger, als es momentan Mode ist - klein und füllig, aber das stört Creepy nicht. Ihn stört auch nicht, dass sie sich aus psychischem Stress und als Kompensation ihr wunderschönes Haar ausreißt. Trichotillomanie nennt sich das, es ist jedoch nicht der Ursprung ihrer psychischen Probleme, es ist nur deren Ventil. Leider ist und bleibt es nicht ihr einziger Tick. Er nennt sie Maud, denn obwohl sie dieselbe Schule besuchen, kennt Creepy ihren Namen nicht. Er beobachtet sie nur – beim Haare reißen, beim heimlichen Alkohol trinken, beim Zeichnen. Und Maud beginnt Creepy zu beobachten. Schließlich schreibt er ihr und sie antwortet ihm. Alles natürlich getrennt durch die beiden Fensterscheiben und den Raum dazwischen. Als es mit Maud psychisch immer mehr abwärts geht, sie sich auch Creepy zu entziehen beginnt, beschließt er, ein Zeichen zu setzen. Er verlässt für sie sogar seine wohlgehütete Unsichtbarkeit. Maud wird jedoch immer instabiler, ihr familiäres Umfeld trägt nicht gerade zu einer Besserung ihrer angeschlagenen Psyche bei. Am Ende überwindet Creepy den Raum zwischen ihren beiden Fenstern und macht sich auf, Maud wirklich kennenzulernen, die Maud, die nicht hinter Glas und Gardinen versteckt ist.