Donnerstag, 26. Februar 2015

Die Macht des Lesens: Frauen und Bücher

Frauen und Bücher - Eine Leidenschaft mit Folgen 
von Stefan Bollmann 
2013 DVA 
ISBN 978-3-421-04561-4

Das Lesen war mitnichten schon immer eine hauptsächlich weibliche Beschäftigung, wie es uns heute erscheint. Zuerst war es ein Privileg, ein männliches Privileg, um es genau zu sagen, eine Tradition, die vor allem mit Religion und Gelehrsamkeit zusammenhing. Doch wie und wann kamen dann die Frauen ins Spiel? Als Leserinnen und als Autorinnen? 
Es beginnt ganz harmlos und fällt zusammen mit der Entstehung einer heute nicht mehr wegzudenkenden Literaturgattung: dem Roman. Die Leselust der Frauen begann mit den ersten Romanen, zunächst belächelt von der Männerwelt und bald schon als Bedrohung gefürchtet - denn, eine Frau könnte von den emotionalen Fiktionen der Romane sehr leicht verführt und ins Unheil geführt werden. Unheil ist dabei natürlich eine ausgesprochen männliche Definition für selbständiges Fühlen und Denken der Frauen. Nicht umsonst lässt Gustave Flaubert seinen Urtyp der „Gefallenen Frau“, Emma Bovary, nur Romane lesen. Obgleich die ersten Romane noch ausschließlich in ihren Figuren die damals geltenden Geschlechtertypen darstellten, sollte sich das bald ändern. Die Frauen nahmen die Literaturwelt als Leserinnen und später auch als Autorinnen in die Hand und erschütterten diese.
 

Montag, 23. Februar 2015

Kunst und Wahn: Der Holzvulkan

Der Holzvulkan 
von Hans Pleschinski 
2014 Verlag C.H. Beck 
ISBN 978-3-406-66753-4

Es beginnt als Brief ohne Anrede an den Freund Charles. Der Erzähler hat Fieber, liegt krank darnieder und ist von seiner Deutschlandreise noch nicht zurückgekehrt. Doch nicht nur ein mondäner Virus scheint ihn entflammt und seine Rückkehr verzögert zu haben, auch ein obsessives Interesse an einem unfassbar klingenden Herzog hält in noch gefangen.
In einen Sog der Geschichte wurde er von einem Bibliothekar hineingezogen, dem er zufällig in Niedersachsen, auf einem Rastplatz begegnete. Eine merkwürdig unwirkliche Begegnung. Noch unwirklicher erscheint jedoch, was der Bibliothekar zu berichten hat: Von einem Niedersächsischen Märchenkönig, eher einem Märchenherzog, der sein eigenes Versailles genau dort, etwas weiter den Hügel hinunter, errichten und sein winziges Herzogtum zu einem mit Kunst angefüllten bedeutungsvollem Wunderland machen wollte. Klingt unfassbar – davon hätte man doch gehört, oder etwa nicht? Solch ein Unterfangen, welches in der Erbauung eines Schlosses gipfelte, das mit Versailles konkurrieren sollte, Schloss Salzdahlum, kann doch nicht unentdeckt im Dunkel der Geschichte verschwunden sein. Ob er dem Bibliothekaren trauen kann oder dieser ihn nur zum Narren hält, da ist sich der Erzähler zu Beginn nicht sicher. Jedenfalls kann er sich dessen Erzählung von dem obsessiven Streben des Herzogs Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel nicht entziehen. 
Immer weiter lässt er sich durch die nicht mehr vorhandene Ruine vom großartigen Salzdahlum führen, auf den Spuren eines Größenwahnsinnigen und seines längst vergangenen Erbes.
 

Donnerstag, 19. Februar 2015

Über das Loslassen und einen Neuanfang: Althea & Oliver

Althea & Oliver (dt. Zwillingssterne) 
von Christina Moracho 
2014 Viking 
ISBN 978-0-451-47263-2

Oliver und Althea kennen sich seit sie Kinder waren. Sie sind unzertrennlich, fast wie Zwillinge, und verbringen die meiste Zeit miteinander. Doch schon seit einer Weile will die wilde, manchmal unberechenbare Althea mehr von Oliver. Sie liebt ihn und sehnt sich danach, dass er ihre Gefühle erwidert. Aber Oliver ist sich nicht sicher, es geht ihm alles viel zu schnell. Der Kuss nach der geplatzten Party war auch eher dem Alkohol geschuldet als Verliebtheit, findet er. Für Althea ist der Kuss ganz anders – er ist der Auftakt, auf den sie schon so lange vergeblich gewartet hat. Sie ist sich ganz sicher, dass jetzt alles so kommt, wie sie es sich vorgestellt hat, als Oliver plötzlich wieder eine seiner Episoden hat. Es ist die längste bisher, er verschläft Monate. Kein Arzt konnte bisher sagen, was ihm fehlt, er hat das Kleine-Levin-Syndrom. 
Angespornt durch den Kuss und was sie in ihm zu sehen glaubt, trifft Althea, als Oliver schläft, eine Entscheidung, die sie beide betrifft und welche sie nicht zurücknehmen kann. Als Oliver das nächste Mal aufwacht ist alles anders: Nicht nur sind Monate vergangen, auch zwischen ihm und Althea scheint alles verändert. Als Oliver schließlich von Althea erfährt, was sie getan hat, ist er schockiert. Er entschließt sich das Angebot einer Schlafstudie in New York anzunehmen und Althea hinter sich zu lassen. Althea kann es nicht fassen und nach weiteren, gravierend schlechten Entscheidungen macht sie sich auf nach New York, um Oliver zu finden – und sich selbst.
 

Sonntag, 15. Februar 2015

Portrait einer verlorenen Generation: Am Ende schmeissen wir mit Gold

Am Ende schmeissen wir mit Gold 
von Fabian Hischmann 
2014 Berlin Verlag 
ISBN 978-3-8270-1148-0

Ein junger Lehrer namens Max ist der Protagonist des Romans, zu dessen Anfang ein Anruf seines Vaters ihn aus seiner Lethargie vor dem Fernseher reißt. Er war wie so oft dabei, sich einen Tierfilm anzusehen. Ungewollt herausgerissen aus einer Lethargie, die nicht nur seine Hobbys betrifft, sondern sein gesamtes Leben lähmt, sagt er seinem Vater zu, für seine Eltern das Haus und den Hund zu hüten, so lange diese im Urlaub auf Kreta sind. Seine Reise endet jedoch nicht mit der Fahrt in die Heimatstadt, auch nicht mit der Begegnung mit seiner Jugendliebe - stattdessen sieht Max sich durch ein tragisches Unglück gezwungen, nach Kreta zu fliegen, denn seine Eltern sind bei einem Unfall umgekommen.
Doch auf Kreta endet Max Reise noch nicht, sie beginnt dort erst wirklich. 
In New York muss er sich endlich den Verfehlungen seiner Vergangenheit stellen und schließlich eine Lebensaufgabe für sich selbst finden und die Lethargie und Inhaltslosigkeit hinter sich lassen, welcher er bisher erlaubt hat, sein Leben zu durchdringen.

Donnerstag, 12. Februar 2015

Unterdrückung und Herrschaft: Die Pyramide

Die Pyramide (orig. Piramida) 
von Ismail Kadare 
2014 S. Fischer 
ISBN 978-3-10-038410-2

Der junge Pharao Cheops erschüttert seinen Hofstaat, als er kurz nach seiner Thronbesteigung verlauten lässt, dass er im Gegensatz zu seinen Vorgängern keine Notwendigkeit sieht, eine Pyramide errichten zu lassen. Ein Pharao ohne Pyramide? Undenkbar! Der Pharao muss überzeugt werden, dass es unerlässlich ist, eine Pyramide zu errichten. Schließlich findet sich das Argument, dass Cheops nicht abtun kann: Ohne Pyramide wird es zu zu großem Wohlstand in der Bevölkerung kommen, zu Aufstand und Rebellion. Allen bisherigen Pyramiden ging eine solche Krise voraus. Für andere Großmächte, symbolisieren die Pyramiden Ägyptens Reichtum, Ruhm und Herrschaftsanspruch – das ägyptische Volk wird durch ihren Bau hingegen unterdrückt und an der Rebellion gehindert, die Pyramide vernichtet eben jenen überflüssigen Wohlstand und das Freiheitsstreben des Volkes. 
Cheops beugt sich schließlich dem Drängen seines Innersten Kreises. Seine Pyramide sollte Ägypten ebenso in die Knie zwingen wie alle anderen zuvor. 
Doch nicht nur die Bevölkerung leidet unter der Erbauung der Pyramide, auch der Pharao fürchtet das Monstrum, das er ins Leben gerufen hat, sein monumentales Grab, welches sein Leben überschattet und sich zuletzt ihn selbst einverleiben wird.

Sonntag, 8. Februar 2015

Amors Verwirrungen: Liebesfluchten

Liebesfluchten 
von Bernhard Schlink 
2014 Diogenes Verlag 
ISBN 978-3-257-26114-1

Sieben aufwühlende, hintergründige Geschichten über die Liebe in all ihren Formen. 
„Das Mädchen mit der Eidechse“ erzählt von einem jungen Mann, auf dem das Erbe eines verschollenen Gemäldes schwer lastet. 
„Der Seitensprung“ breitet vor uns das Panorama einer belasteten Ehe aus, indem sie mit einem guten Freund der Familie schläft, entlarvt die Frau das Lügenkonstrukt ihres Mannes. 
Ein alter Mann muss in „Der Andere“ entdecken, dass seine mittlerweile verstorbene Ehefrau eine Affäre hatte. Er macht sich auf, den Hochstapler kennen zu lernen, entdeckt dadurch aber auch ganz neue Seiten an seiner Frau. 
Von heillosen Verstrickungen in Affären, der Flucht vor dem den Protagonisten immer mehr einengenden und überfordernden Leben und schließlich einer unerwarteten Wendung lesen wir in „Zuckererbsen“. 
„Die Beschneidung“ handelt von einer schon zu Beginn zum Scheitern verurteilten jungen Liebe, nicht zuletzt von der zerstörerischen Kraft des Vorurteils. 
Die Liebe eines Vaters zu seinem Sohn, sein Bedauern, ihm nie ein besserer Vater gewesen zu sein, eine engere Bindung mit seinem Sohn aufgebaut zu haben, das thematisiert „Der Sohn“. 
Am Ende steht „Die Frau an der Tankstelle“: In dieser Geschichte erfahren wir von einem mutigen Aufbruch, einem Ausbruch aus einem bisher gewöhnlichem Leben, um der Verheißung von Liebe aus einem wiederkehrenden Traum zu folgen.

Samstag, 7. Februar 2015

Der Alptraum jedes Bibliophilen: Das Papierhaus

Das Papierhaus (orig. La casa de papel) 
von Carlos María Domínguez 
2014 Insel Verlag 
ISBN 978-3-458-17615-2

Die Literaturprofessorin Bluma Lennon wird von einem Auto erfasst, als sie dabei ist, in einem soeben erworbenen Gedichtband Emily Dickinsons lesend, die Straße zu überqueren. Sie ist auf der Stelle tot. Ihr Lehrstuhl an der Universität wird vorübergehend vom Ich-Erzähler, den mit Bluma auch eine sexuelle Beziehung verband, übernommen. An Bluma adressiert, erhält er kurz darauf ein aus Uruguay stammendes Päckchen mysteriösen Inhaltes: Joseph Conrads „Die Schattenlinie“ – eine alte Ausgabe, verheerend zugerichtet durch Zement. Keinerlei Notiz findet sich dabei, nur die Widmung, die Bluma selbst in dem Band hinterlassen hatte. Der Erzähler durchforstet nun Blumas Vergangenheit auf der Suche nach dem so offensichtlich mit ihr einmal verbandelten Absender des Buches. 
Er selbst stammt aus Buenos Aires und einen vorgezogenen Besuch in der Heimat verbindet er mit der Suche nach Blumas ehemaligem Liebhaber Carlos. 
Es beginnt eine Reise entlang der Küste Südamerikas auf den Spuren einer zerstörten Bibliothek und des Irrsinns eines Bibliomanen.

Finnische Romankunst - Troll: Eine Liebesgeschichte

Troll: Eine Liebesgeschichte (orig. Ennen päivänlaskua ei voi) 
von Johanna Sinisalo 
2005 Tropen Verlag 
ISBN 978-3-932170-74-1

Mikael, genannt Angel, ein gutaussehender Werbephotograph, rettet nach einer enttäuschenden und alkoholgetränkten Nacht einen jungen Troll vor einer Horde Jugendlicher. Er beschließt, den Troll, den er später Pessi taufen wird, mit zu sich in die Wohnung zu nehmen und ihn aufzupäppeln. Ein wildes Raubtier in einer Wohnung eingepfercht? Was fressen Trolle überhaupt? Angel hatte so einiges nicht durchdacht, als er aus Mitleid und einem starken, unerklärlichen Verlangen Pessi bei sich aufnahm. Als Pessi langsam genest, wird Angels Bindung zu ihm immer stärker, er will Pessi um jeden Preis beschützen und stößt dabei auch Martes von sich, den er zuvor so verzweifelt wie unerwidert begehrte. Pessi beschützt sein Alphamännchen Angel ebenso eifersüchtig, seine Pheromone bringen dabei Angels Liebesleben nicht nur ein wenig durcheinander: Statt Martes begehrt er Pessi, den Troll; lebt seine Leidenschaft, die er selbst als unnatürlich empfindet, aber stellvertretend mit dem unsterblich in ihn verliebten Ekke aus; seinen Ex, einen Tierarzt, nutzt er nur noch aus, um Pessi zu helfen; die thailändische  Katalogbraut des Nachbarn, Palomita, erhofft sich unterdessen von Angel einen Ausweg aus ihrer brutalen Ehe. 
Lange kann man einen eifersüchtigen Troll bei derartigen Beziehungsverwirrungen kaum geheim halten, die Situation droht – da Pessi nun auch als Model in der neuesten Werbekampagne von Martes und Angel zu sehen ist – zu eskalieren. 
Am Ende bleiben Angel nur Pessi und eine Verzweiflungstat.

Donnerstag, 5. Februar 2015

Illegale Schokolade, Mafia und die Liebe: Bitterzart

Bitterzart (orig. All these things I’ve done) 
von Gabrielle Zevin 
2013 Fischer FJB 
ISBN 978-3-8414-2130-2

16 Jahre ist Anya alt, als ihre Großmutter stirbt und sie somit zum Familienoberhaupt der Balanchine-Familie wird. 
Ihr Vater Leonyd Balanchine hatte den illegalen Handel mit Schokolade und Kaffee im New York des Jahres 2083 zum Imperium ausgebaut. Da ihr älterer Bruder Leo geistig etwas zurückgeblieben ist, übernimmt Anya die Obhut über ihn und ihre kleine Schwester Natty. Zugleich drängen aber die illegalen Geschäfte der Balanchines in ihr Leben, dabei will Anya doch nur ihren Abschluss machen und mit den Mafia-artigen Strukturen des Familienimperiums gar nichts zu tun haben. Als sie sich in Win verliebt, den Sohn des Staatsanwaltes Charles Delacroix, sieht letzterer seine Karriere gefährdet und lässt keinen Versuch aus, Anya, die Mafiatochter, von seinem Sohn zu trennen – und sei es mit strafrechtlichen Mitteln. Anya versucht verzweifelt, ihre Familie zusammenzuhalten, sich von ihrer großen Liebe Win fernzuhalten und den Zorn seines skrupellosen Vaters nicht auf sich zu ziehen. 
Aber eine Balanchine zu sein bedeutet, dass es Anya wohl kaum gelingen wird, den Intrigen, Skandalen und Gesetzesbrüchen zu entgehen – besonders nicht, wenn ihr ein machtgieriger Staatsanwalt auf den Fersen ist, dem nichts besser gefallen würde, als Anya für lange Zeit hinter Gittern zu sehen …

Mittwoch, 4. Februar 2015

Zwischen Reaktionärem und Aufbruch: Friedhof der Unschuldigen

Friedhof der Unschuldigen (orig. Pure) 
von Andrew Miller 
2013 Paul Zsolnay Verlag 
ISBN 978-3-552-05644-2

Jean-Baptiste Baratte, ein junger Ingenieur in einfachen Verhältnissen in der Normandie aufgewachsen, erhält 1785 in Versailles den Auftrag seines Lebens: Er soll im Pariser Stadtteil Les Halles den Friedhof der Unschuldigen samt Kirche abreißen. Der Friedhof, auf dem seit Jahrhunderten Leichen verscharrt werden, vermag seine Toten nicht mehr in der Erde zu halten. Er quillt sprichwörtlich über und bringt diejenigen, die dort zur letzten Ruhe gebettet werden sollten, wieder ans Licht des Tages. Nach Ansicht der Obrigkeit in Versailles verseucht er damit die Stadt nicht nur gesundheitlich, sondern auch moralisch. 
Zunächst zeigt sich Jean-Baptiste noch optimistisch und voller Tatendrang, schließt auch schnell Freundschaft mit einem Organisten, doch bald sieht er sich konfrontiert mit abergläubischen Arbeitern aus Flandern, verdächtigen Unfällen und Anfeindungen im Viertel. Denn nicht alle wollen, dass ihr Friedhof verschwindet. 
Zugleich stürzt er sich auch noch in eine Liebesaffäre mit der Prostituierten Héloise, wegen ihrer Ähnlichkeit mit Marie Antoinette die Österreicherin genannt, was die Tochter des Küsters, bei dem er Unterkunft erhalten hat, gegen ihn aufbringt, denn sie hat selbst ein Auge auf den jungen Ingenieur geworfen. 
Die Auslöschung des Friedhofs und der Kirche gestalten sich schwieriger, kräftezehrender und gefährlicher als Jean-Baptiste zunächst geglaubt hatte.

Dienstag, 3. Februar 2015

Fünf Federn, fünf Einflüsse: Fünf Menschen, die mir fehlen


Fünf Menschen, die mir fehlen (orig. Elegies for the Brokenhearted) 
von Christie Hodgen 
2014 Albrecht Knaus Verlag 
ISBN 978-3-8135-0586-3

Mary war immer die Unscheinbare neben ihrer schönen Schwester Malinda. Malinda hat ihre Schönheit von ihrer Mutter geerbt, Margaret. Marys und Malindas Kindheit war geprägt von der unsteten Art ihrer Mutter, sich stets durch ihr Aussehen einen neuen Mann anzulachen, von dem sie sich die glorreiche Zukunft erwartete, die ihr ihrer Meinung nach zustand. Als Erwachsene erinnert sich Mary nun an all die Menschen, die sie seit ihrer Jugend geprägt haben: Außenseiter sind es, nicht mal so wirklich sympathisch, zum Teil haben sie Marys Leben auch nur in einer einzigen kleinen Begebenheit gestreift und so dessen Kurs verändert. 
Sie widmet diesen Menschen fünf Elegien, die erste ihrem wilden, drogenabhängigen Onkel Mike. In einer unsicheren Zeit ihrer Kindheit, als ihre Mutter gerade nicht wieder verheiratet war, kümmerte sich ihr Onkel um sie und ihre Schwester, er lebte bei ihnen, bis er beschloss, ein neues Leben in der Großstadt, in New York zu beginnen, um der Enge und Perspektivlosigkeit des ehemaligen Industriestädtchen zu entkommen. 
Elwood LePoer ist die zweite Elegie gewidmet, er war das einfältige Stadtgespött, doch er wendete in einem kurzen Augenblick das Schicksal von Marys kaputter Familie. 
Ihre Zimmergenossin im ersten Collegejahr, Carson, ist auch einer der Menschen, die Mary fehlen. Sie hat der stillen, in sich gekehrten, unsicheren Mary Halt und ein klein wenig Mut gegeben, in diesem einen kurzen Jahr, bevor sie sich ihren eigenem Schicksal stellte. 
Auf der Suche nach ihrer ausgerissenen, wilden Schwester begegnet Mary James, einem genialen, gescheiterten Pianisten. Seine Freundschaft und sein Einsatz zwingen Mary dazu, ihr Studium zu beenden. 
Zuletzt bleibt da noch eine Elegie, an die Frau, die Marys Leben von Beginn an geprägt hat. An ihre Mutter.

Irgendwo zwischen Himmel und Erde: Für den Herrscher aus Übersee


Für den Herrscher aus Übersee 
von Teresa Präauer 
2012 Wallstein Verlag 
ISBN 978-3-8353-10092-6

Zwei Jungen, zwei Brüder, verbringen den Sommer bei ihren Großeltern auf dem Land. Ihre Eltern sind auf Reisen, die täglichen Postkarten sind das einzige Lebenszeichen von ihnen. Der Großvater liest sie den Brüdern vor, doch es scheint so, als lese er nicht, was da geschrieben steht, sondern was ihm in den Sinn kommt. Er ist auch sonst ein großer Geschichtenerzähler. Am liebsten – und zum Verdruss der tüchtigen Großmutter – erzählt der Großvater von seiner Zeit als Flieger im Krieg, oder genauer: von seiner Begegnung mit der Japanerin. Diesen Sommer berichtet er vom Absturz ihrer beiden Flugzeuge, vom Versuch, das der Japanerin zu reparieren, von einer sachten Annäherung, einer stürmischen Liebe, die ihn bis ins hohe Alter nicht losgelassen hat. Er ist ein Hochstapler, der Großvater, doch in der Japanerin hat er trotz der Sprachbarriere eine Ebenbürtige gefunden, eine, die ihm den Schneid abkaufen konnte. 
Die Brüder, altklug und doch so weise, lauschen den Geschichten gespannt, bringen sich selbst das Lesen bei, um doch noch herauszufinden, was ihnen die Eltern schreiben und lernen nebenbei von ihrem Vorbild, dem Großvater, das Fliegen. 
Aber da ist noch jemand, die Fliegerin. Sie reist mit einem Vogelschwarm zu dessen Winterquartier, teilt hautnah das Erlebnis des Fliegens mit den Tieren.

Montag, 2. Februar 2015

Exzesse en masse: Biester


Biester (orig. Animals) 
von Emma Jane Unsworth 
2014 Metrolit Verlag 
ISBN 978-3-8493-0350-1

Laura, Anfang dreißig, noch kein bisschen erwachsen, arbeitet in einem Callcenter, obwohl sie eigentlich schon seit Jahren vergeblich und mittlerweile mehr als etwas verzweifelt versucht, ihren Roman zu schreiben. Aber der Roman will einfach nicht kommen – oder will Laura am Ende gar nicht? Anstatt zu schreiben, stürzt sie sich wieder und wieder in endlos exzessive Partynächte mit ihrer besten Freundin Tyler, die zwar unwesentlich jünger ist als Laura, aber dennoch nicht viel mehr vorzuweisen hat: Eine Wohnung, die sie ihrem Vater abgenötigt hat und einen Job im Coffeeshop. 
Es könnte sich aber bald etwas gravierend verändern in Lauras und Tylers Co-Abhängigkeit, denn Laura ist jetzt verlobt. Jim war früher genau wie Laura und Tyler, doch seit seine Karriere als Pianist Fahrt aufgenommen hat, hält er sich fern von Alkohol, Drogen und Partys. Was Laura nicht gerade von sich behaupten kann. Tyler scheint umso erpichter, Laura in einen Strudel aus Alkohol, Blackouts, Verwüstung und „Morgen danach“ zu ziehen, jetzt, da Lauras Verlobung alles in Frage stellt. Schließlich kann sie diesen Lebensstil kaum weiterführen, wenn sie erst mit dem abstinenten Jim verheiratet ist (und wohnen wird sie dann wohl auch bei Jim und nicht bei Tyler …). 
Als sei das nicht genug, beginnt auch Lauras Beziehung mit Jim immer mehr zu bröckeln, Lebensziel und –anschauungen variieren dann doch zu sehr. Laura muss  beginnen, sich sich selbst zu stellen, ihrem verkorksten Leben, ihren verpassten Chancen, wenn sie nicht den Rest ihrer Jugend im Schatten der extrovertierten, vorlauten Tyler verbringen will.