Freitag, 24. April 2015

Vergebliche Hoffnungen und Lebenslügen: Das Blütenstaubzimmer

Das Blütenstaubzimmer 
von Zoë Jenny 
1999 btb Verlag 
ISBN 978-3-44272383-6

Jo besucht nach ihrem Abitur ihre Mutter Lucy, die sie zwölf Jahre lang nicht gesehen hat. Lucy lebt mit ihrem neuen Mann Alois, einem Maler, in einem abgeschiedenen Haus in einem Land im Süden. Von ihrer Reise erhofft sich Jo ihre lange vermisste Mutter endlich kennenzulernen und nun eine richtige Mutter-Tochter-Beziehung zu ihr aufzubauen. Stattdessen bleibt Lucy ihr fremd. Als Alois kurz nach Jos Ankunft in einem tödlichen Verkehrsunfall stirbt, zieht Lucy sich völlig in dessen Atelier zurück. Sie sammelt Blütenstaub, den sie im Raum verteilt, verkriecht sich darin und verschließt vor Jo und dem Rest der Welt die Türen. Jo versucht alles, um zu ihr durchzudringen, dch ihre Mutter gibt keinerlei Lebenszeichen von sich. Letztlich schafft sie es zwar, Lucy aus ihrer katatonischen Starre zu lösen, aber indem sie jegliche Erinnerung an Alois vernichtet, versucht Lucy weiterzuleben, als sei nichts geschehen. Jo beobachtet sie dabei ebenso fassungs- wie teilnahmslos. Jeder Versuch, der Mutter nahe zu kommen, bleibt vergeblich. Als diese mit einem neuen Mann unangekündigt zu einer Reise aufbricht, bleibt Jo allein in Alois Haus zurück. Auf sich allein zurückgeworfen in einem fremden Land versucht sie zögerlich, Kontakt zu anderen zu knüpfen.
 
Zoë Jennys Roman „Das Blütenstaubzimmer“, für welchen sie mit dem aspekte-Literaturpreis ausgezeichnet wurde, taucht der Leser in kurzen Episoden ein in Jos Gedanken- und Gefühlswelt. Beides gestaltet sich dabei wirr und verloren, Erinnerungen wechseln sich dabei mit der Gegenwart und Träumen und Gedanken ab. 
Jo ist verloren, bei ihrem Vater ebenso wie bei ihrer Mutter. Beide haben wenig Interesse und Aufmerksamkeit für ihre Tochter, Jos Vater hat mittlerweile eine neue Familie, während Lucy zunächst auf Alois fixiert ist und ihre eigene Tochter später als ihre Schwester ausgibt. Dabei sucht Jo nur eine Bezugsperson, jemanden, der sich um sie bemüht und sich für sie interessiert, an ihrem Leben teilhaben möchte. Lucy aber bleibt distanziert, gefangen in ihren eigenen Lebenslügen. Sie redet kaum mit ihrer eigenen Tochter, die sie Jahre lang nicht gesehen hat, zeigt keinerlei Interesse daran, sie auch nur kennen zu lernen, zu sehr ist sie mit sich selbst und dem Verdrängen von Alois Tod beschäftigt. Jo versucht immer wieder, in kleinen Gesten und Gesprächsanläufen, die Aufmerksamkeit ihrer Mutter zu wecken, einer Mutter, die es vorzieht, sie als ihre Schwester auszugeben, um attraktiver und jünger auf ihren neuen Freund zu wirken. Jo realisiert erst spät, als Lucy bereits verschwunden ist und sie kommentarlos zurückgelassen hat, dass ihre Hoffnung von Beginn an utopisch war und ihre Mutter tatsächlich keinerlei Interesse an ihr oder gar einer Beziehung mit ihr hat. Zu sehr ist sie mit ihrem eigenen Leben und ihren Selbsttäuschungen beschäftigt. Da dies aber Jos einziger Plan war für die Zeit nach dem Abitur und vor einem Studium, über welches sie sich ebenfalls noch keine Gedanken gemacht hat, bleibt sie perspektivlos zurück. Sie irrt durch die Stadt, um sich abzulenken und lernt dabei Rea kennen, die wie sie genug von ihren Eltern hat und mit der sie nach Milwaukee reisen will. Doch die rasche Annäherung der beiden ist nicht das, was Jo darin sieht, für Rea ist Jo nur ein weiterer Zeitvertreib, eine Ablenkung. Desillusioniert muss Jo auch hier ihren Fehler erkennen und sie kehrt schließlich ihrer Vergangenheit und ihren Eltern den Rücken.  
„Das Blütenstaubzimmer“ ist der Roman einer Generation, der sowohl die Bezugspersonen als auch der individuelle Lebenssinn abhandengekommen sind. Jos verzweifelte Suche nach Zuwendung, welche sie zugleich jedoch durch Kälte und Schweigen von sich fern hält, erweist sich als zum Scheitern verurteilt. Ohne Perspektive, Träume und Wünsche für ihr eigenes Leben, schafft sie es am Ende des Romans zumindest, sich von ihren desinteressierten Eltern, beziehungsweise ihrer Vorstellung von ihnen, zu lösen und in ein eigenes Leben, das nicht auf ihnen aufgebaut ist oder von ihnen überschattet, wird aufzubrechen. Bedrückend liest sich dieser Roman; Zoë Jennys Sprache ist dabei so eindringlich wie poetisch, so dass einen die Einsamkeit und Verlorenheit der Protagonistin kaum wieder loslässt.

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