Freitag, 29. Mai 2015

Geheimnisvolles Schweigen und eisige Kargheit: Das kalte Jahr

Das kalte Jahr 
von Roman Ehrlich 
2013 DuMont Buchverlag 
ISBN 978-3-8321-6296-2

Während der kältesten Zeit des Jahres beschließt ein junger Mann, die große Stadt, in welcher er wohnt, zu verlassen. Zu Fuß macht er sich auf den Weg zum Haus seiner Eltern in das kleine Dorf am Meer, das er schon jahrelang nicht mehr aufgesucht hat. Er läuft aus einem spontanen Entschluss heraus los, ohne wirklich vorbereitet zu sein, ein paar Äpfel, Wasser, ein Fotoapparat, eine Tageszeitung und die Kleidung, die er am Leib trägt, sind die einzigen Gegenstände, welche er aus seinem alten Leben mitnimmt. Entlang einer Autobahn läuft er dem Dorf seiner Kindheit entgegen, erst jetzt kommt ihm der Gedanke, dass er dort zwangsläufig auch den lange nicht mehr gesehenen Eltern wiederbegegnen würde. Eine Autobahnraststätte, Jauchegruben, verschneite Felder passiert er, bevor er sich nach langem, anstrengendem Marsch dem Waldgebiet nähert, das an das Dorf der Eltern grenzt. Ein aufgegebenes Militärgebiet liegt dazwischen, welches seit jeher das Dorf abschirmt und das Leben der Bewohner bestimmt. Endlich angekommen in dem in einer winterlichen Kältestarre gelähmten Dorf, empfangen ihn im Haus aber nicht seine Eltern, sondern ein ihm unbekannter Junge namens Robert. Eine merkwürdige Übereinkunft treffen die beiden und leben fortan in dem eingeschneiten Haus, in dem in Schlaf und Schweigen gehüllten Dorf seiner Jugend zusammen. Der eisige Winter scheint kein Ende zu nehmen.
 
„Das kalte Jahr“ von Roman Ehrlich ist ein außergewöhnlicher, suggestiv-traumähnlicher Roman. Dieses sich stark von der literarischen Masse abhebende Debüt wurde verdient mit dem Förderpreis zum Bremer Literaturpreis, dem Automatische-Literaturkritik-Preis der Riesenmaschine sowie dem Robert-Walser-Preis ausgezeichnet. 
Es ist eine Szenerie wie am Rande des Erwachens aus einem Traum, in die uns Robert Walser mit seinem namenlosen Protagonisten schickt. Aus der für ihn mit einem Mal unerträglich gewordenen Zivilisation, in der es ausschließlich um das Funktionieren von Mensch und Maschine geht, bricht der Erzähler, der zugleich auch der Protagonist des Romans ist, kurzentschlossen aus. Er kehrt der Stadt und der Zivilisation dem Rücken, vergisst sie und sein Leben darin immer mehr, je weiter er sich von ihr entfernt. Als auch die letzten Außenposten des menschlichen Lebens in der wilden, in Kälte erstarrten Natur zwischen Stadt und verlassenen Militärgebiet, das das Dorf wie eine Todeszone umschließt und abschirmt, hinter ihm liegen und er sich seinem Ziel immer weiter nähert, verschwimmt die Wahrnehmung des Erzählers immer stärker. 
Dass ihn nicht wie erwartet die Eltern, sondern Robert, den er noch nie zuvor gesehen hat, im Haus empfangen, akzeptiert er nach kurzem, wenig beharrlichen Nachfragen in einer Art von Traumlogik klaglos. Er fragt Robert in der Zeit ihres gemeinsamen Wohnens zwar noch häufiger nach dem Verbleib seiner Eltern oder seiner Person, doch nie erhält er darauf eine Antwort. Er entwickelt ein Verantwortungsgefühl Robert gegenüber, seine Fragen vergraulen den auch sonst eher schweigsamen Jungen, der sich in seinem ehemaligen Kinderzimmer eingenistet hat. Robert baut an etwas, was, will er nicht sagen, er tut es im Geheimen. Um ihnen weiter Nahrung und Robert seine zum Basteln benötigten Utensilien kaufen zu können, nimmt der Erzähler den Job in einem Elektrogeschäft wieder an, welchen er schon in seiner Jugend einmal innehatte. Dort verbringt er seine Vormittage fortan mit dem Säubern von defekten Fernsehern und Fernbedienungen und dem Aufnehmen von Kassetten für die Dorfbewohner, die - vollkommen aus Zeit und Raum gefallen - nur noch über das so auszugsweise dokumentierte Fernsehprogramm des vorherigen Tages Zugang und Verbindung zur Außenwelt haben. Zeit scheint im Dorf bedeutungslos geworden zu sein, fest umschlossen im Griff des Winters und des Vergessens. 
Der Protagonist erzählt Robert abends Geschichten, welche scheinbar keinen Zusammenhang haben, sie erscheinen willkürlich, ebenso wie die Aufnahmen, die er tagsüber vom Fernsehprogramm macht oder seine Photos bei ihren gemeinsamen Spaziergängen. Zwischen Robert und ihm kommt es zu einem leisen Bruch, als er dessen ebenso zusammenhanglose, jedoch scheinbar explosive Machwerke heimlich untersucht - doch auch hier entzieht sich der Roman den gängigen Normen und den Erwartungen des Lesers. Ein faszinierender Roman, der sich sein Geheimnis zu bewahren weiß und ob dieses Umstandes umso stärker fesselt. 
Mit „Das kalte Jahr“ hat Roman ehrlich einen stillen aber umso eindringlicheren Debütroman verfasst, welcher sich ebenso wie sein Protagonist entzieht - vorrangig einer einheitlichen Deutung. Es geht um Verweigerung, Verwirrung, Unausgesprochenes, Einsamkeit und Vereinzelung, um die Dinge unter der zu Eis erstarrten Oberfläche. Ein höchst suggestiver wie symbolhafter Roman, bei dem man sich als Leser oft nicht sicher sein kann, wo genau die Grenze zwischen Realität und Traum verläuft, die der stets aufmerksam beobachtende Erzähler selbst so vage zu ziehen in der Lage ist. Als verbindendes Merkmal zwischen den willkürlich erscheinenden Erzählungen des Protagonisten, seinen Erlebnissen und den Fernsehaufnahmen bleibt allein die überpräsente Symbolik des Winters bestehen.
Dieses Debüt ist durch seine sprachliche Klarheit, seine karge Einfachheit wie durch seine außergewöhnliche inhaltliche Schilderung ein Erlebnis, das man sich als anspruchsvoller Leser nicht entgehen lassen sollte.

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