Sonntag, 29. November 2015

Unrecht, Sünde, Stigma: Kindes Kind

Kindes Kind (orig. The Child’s Child) 
von Barbara Vine 
2015 Diogenes Verlag 
ISBN 978-3-257-06946-4

Seit dem Erbe des großmütterlichen Hauses leben die Geschwister Andrew und Grace zufrieden zusammen. Eine Haushälfte für jeden und eine gemeinsame Küche – eigentlich perfekt im schwierigen Londoner Wohnungsmarkt. 
Doch als Andrews neuer Liebhaber James sich als bedeutend mehr als nur eine flüchtige Affäre herausstellt und immer öfter bei ihnen im Haus bleibt, ist Grace zunehmend beunruhigt. Dem zwar sehr gut aussehenden, aber auch äußerst arroganten Schriftsteller kann sie auf Grund seines Verhaltens und seiner Geringschätzung ihrer noch im Entstehen begriffenen Doktorarbeit über schwangere Unverheiratete in englischen Romanen nichts abgewinnen. 
Es kommt aber ganz anders als Grace befürchtet – denn ihr Leben und das ihres Bruders scheint zunehmend beunruhigende Parallelen zum Thema ihrer Dissertation und einem bisher unveröffentlichten Manuskript aus den 1950er Jahren aufzuweisen.

Donnerstag, 19. November 2015

Leibhaftig gewordenes Märchen: Der Froschkönig

Der Froschkönig 
von Simona Ryser 
2015 Limmat Verlag 
ISBN 978-3-85791-764-6

Plitsch. Platsch. Da ist er bereits wieder, der Frosch, der ihr seit Kindertagen keine Ruhe lässt. Ihr unermüdlich auf Schritt und Tritt folgt. Egal wohin. Auch nach Frankfurt ist er ihr gefolgt, dort soll Leo ein städtebauerisches Konzept für einen bisher industriell genutzten Vorort entwickeln. Aber völlig kann sie sich nicht darauf konzentrieren, der Frosch erinnert sie unermüdlich an ihre Kindheit, in der Leo (Leonie mit langem i) noch Königskind spielen konnte, und ihr Vater, Herr Meister, noch der erfolgreiche König war, dem sie doch nur ein Lächeln entlocken wollte. Bald schon zerbröckelte die schöne Fassade der Königsfamilie, das Wirtschaftswunder hielt nicht ewig an. Der Vater scheitert und klammert sich an das verzweifelte Ziel, wenigstens im heimischen Gartenteich erfolgreich Frösche anzusiedeln. Der eine Frosch aber, jener, welchem die Königstochter Leo zu viel versprach, verfolgt sie weiterhin, sein fluoreszierendes Grün eine stete, greifbare Erinnerung.

Sonntag, 8. November 2015

Skurrile Kunst und goldene Geheimnisse: Die Anatomie der Nacht

Die Anatomie der Nacht (orig. The Anatomical Shape Of A Heart) 
von Jenn Bennett 
2015 Königskinder Verlag 
ISBN 978-3-551-56011-7

Bex hat sich ein Ziel gesetzt: Sie will unbedingt medizinische Lehrbücher für Anatomie illustrieren. Ihr ist klar, wie skurril und morbide das ist, aber sie kann sich schon seit langem nichts Passenderes für sich vorstellen. Um ihrem Traum näherzukommen und an echten Modellen zu studieren, schwindelt sie sogar ihre strenge Mutter an, um in demselben Krankenhaus, in dem diese als Krankenschwester arbeitet, in der Pathologie ihre Studien zu zeichnen. 
Die betreffende Ärztin versetzt Bex jedoch und so findet sie sich viel zu spät und ohne ihrem Ziel einen Schritt näher gekommen zu sein in einem von San Franciscos Nachtbussen wieder. Ihr direkt gegenüber sitzt ein gutaussehender Junge, der ihr bereits an der Bushaltestelle aufgefallen ist. Leicht kommen sie und Jack ins Gespräch und flirten sogar ein wenig miteinander - aber was hat er da in seiner Tasche? Goldenes Graffitispray? Wie der gesuchte Graffitikünstler, der schon seit Wochen San Francisco mit seinen ebenso kunstvollen wie mysteriösen Wortbildern in Atem hält - aber nein, das kann unmöglich er gewesen sein …
  

Sonntag, 1. November 2015

Auf der Spur der Dunkelheit: Nachts

Nachts 
von Mercedes Lauenstein 
2015 Aufbau Verlag 
ISBN 978-3-351-03614-0

Eine junge Frau klingelt nachts an fremden Türen. Sie sagt, sie forscht über die Nacht und alle, die dann noch wach sind. Die Geschichten der Nachtaktiven lässt sie sich erzählen, lässt sich hereinbitten in die fremden Wohnungen und Häuser. Die Forscherin taucht ein in das Leben der Menschen, die uns sonst Fremde bleiben, lässt sich aus ihrem Leben erzählen - und immer wieder von der Beziehung zur Nacht. Manche sind nur gezwungenermaßen wach, wegen der Arbeit, aus Angst oder aus Gewohnheit. Abgründe tun sich auf in der Zeit des fehlenden Lichts, die junge Frau ist ausgezogen, sie zu erkunden. 
Von Straße zu Straße geht sie auf der Suche nach einem erleuchteten Fenster, nach einem Menschen, der sie mitten in der Nacht hereinbittet und mit ihr spricht. Jemanden, der ihre Lügen nicht entdeckt und ihren Worten nicht misstraut, sondern selbst kurz der Einsamkeit der Nacht entfliehen möchte. Wonach sie eigentlich sucht, hinter den erleuchteten Fenstern und in den warmen Zimmern abseits der Kälte der Nacht - sie kann es selbst nicht benennen.