Donnerstag, 10. November 2016

Erwartungen enttäuscht: Florian Berg ist sterblich

Florian Berg ist sterblich
von Janko Marklein
2015 Blumenbar
ISBN 978-3-351-05022-1

Florian Berg beginnt in Leipzig Philosophie zu studieren. Besser gesagt, er versucht es. Denn über einen Monat nach seiner Immatrikulation kann er immer noch keine Kurse besuchen, da diese auf Grund des Lehrkräftemangels nur für Studenten in höheren Semestern zugänglich sind. Er trifft durch Zufall Line, welche ihm mit ihren Connections des StudentInnenrates dann doch noch zumindest ein Tutorium sichert. Aber natürlich tut Line das nicht aus purer Nächstenliebe, scheint sie doch sofort mehr als nur Gefallen an Florian gefunden zu haben. Er kann jedoch nur auf ihr Muttermal an ihrem Mund starren. Dennoch lässt sich dann mit ihr ein, um seines Tutoriums willen. Line ist es auch, die ihm eine WG mit ihrem Ex zuschustert und weiterhin sehr viel mehr von Florian erwartet, als dieser jemals in der Lage sein wird ihr zu geben. Anna Kuszlak, seine Tutorin mit linker politischer Ausrichtung, scheint ihm doch viel eher interessant und obgleich sie stetig ablehnt und zudem vergeben ist, wird Florian nicht müde, sich ihr anzubieten. Auch nicht, als sie nach Südamerika verschwindet.

Donnerstag, 20. Oktober 2016

Impressionen von der Frankfurter Buchmesse 2016


"Es geht um das Buch", so sagt es zumindest die Kurt Wolff Stiftung – und Recht hat sie. Mittlerweile bin ich Buchmesse-technisch ein alter Hase, besonders, wenn es um die gigantische Frankfurter Buchmesse geht. Obwohl ich in den letzten beiden Jahren immer nur jeweils einen Tag dort verbracht habe, hätten die Eindrücke und Erinnerungen nicht vielfältiger sein können. #fbm2016 #fbm16

Sonntag, 18. September 2016

Augenblicke: Das Leben ist kurz. 12 Bagatellen

Das Leben ist kurz. Zwölf Bagatellen
von Martin Mosebach
2016 Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-498-04291-2

Zwölf Kurzgeschichten, Miniaturen, die kurze Augenblicke mit wenigen Worten umreißen. „Wozu braucht man eine Zeitung?“ erzählt von einem Paar, das in die Ferien in den Bergen verbringt und schmerzlich die vielen Anwendungsmöglichkeiten einer Zeitung misst. Eine Künstlerin mit Taubenphobie kann sich kein besseres Motiv für ihr nächstes Stillleben vorstellen, als ein kleines Taubenei („Das Taubenei“). In „Ein Kurzroman in Augenblicken“ folgen wir einem Mann, der völlig fasziniert ist von einer ihm unbekannten Frau. „Alexandre de Paris“ ist der Friseursalon des weltberühmten Alexandre, welcher seinem großen Vorbild Léonard, dem Friseur der Königin Marie Antoinette, nacheifert. Acht Weine und ihre Trinker, sowie deren Eigenarten entlarvt Mosebach in „Vinusse“.

Sonntag, 28. August 2016

Does the Walker Choose the Path? Clariel

Clariel
von Garth Nix
2014 Hot Key Books
ISBN 978-1-4714-0386-6

Clariel hat sich schon lange den Wünschen ihrer Eltern widersetzt, bisher allerdings nur heimlich. Ganze Wochen hat sie im Wald auf sich allein gestellt verbracht, ihre Instinkte als Jägerin geschult. Anders als den meisten Mädchen ihres Alters liegt ihr nichts an kostbaren Kleidern, Gesellschaft oder gar Gold, dem sich ihre Mutter Jaciel als talentierteste Goldschmiedin des Königreiches mit Leib und Seele verschreiben hat. Clariel hingegen sehnt sich nach Ruhe, Einfachheit und Freiheit und träumt von einem nicht standesgemäßen Leben im Wald des Grenzbereichs. Undenkbar für die Tochter einer Gildeschmiedin, eine Enkelin des Abhorsen und Cousine des Königshauses. Doch in noch weitere Ferne ist dieser Wunsch gerückt, als Clariels Mutter beschließt, sich in der Hauptstadt des Alten Königreiches, in Belisaere, niederzulassen. Anstatt den grünen Frieden des Waldes um sich zu haben, ist Clariel nun eingepfercht in einer Stadt aus Stein, die sie mit ihrer Leblosigkeit, ihrer starren Etikette und ihren unerwünschten Geheimnissen zu ersticken droht.
 

Sonntag, 21. August 2016

Picassos Passionen – Eine Ausstellungsrezension.

 
Noch bis zum 28. August können in Lindau Werke des Jahrhundertkünstlers Pablo Picasso (1881-1973) bestaunt werden ­– diese Ausstellung, bereits die zweite in Lindau, die Picasso gewidmet ist, steht unter dem Titel „Picassos Passionen. Werke voller Leidenschaft aus sieben Jahrzehnten“.
 

Donnerstag, 11. August 2016

So könnte es gewesen sein: Der Scheiterhaufen

Der Scheiterhaufen (orig. Máglya)
von György Dragomán
2015 Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-42498-8

Als Vollwaise lebt Emma seit dem Unfalltod ihrer Eltern in einem Internat, bis völlig unangekündigt eine alte Frau auftaucht und sich als ihre Großmutter vorstellt. Eine Großmutter, von der ihre Mutter niemals auch nur ein Wort gesprochen hatte. Dennoch folgt Emma der etwas wunderlichen alten Frau in ein ihr fremdes Dorf. Dort wird sie mit tief verwurzeltem Hass und Verachtung konfrontiert, denn der Großvater, der sich umgebracht hat, gilt als Spitzel des nunmehr gestürzten Regimes. Mit der Großmutter steht es nicht besser: Sie ist als Hexe und Verrückte im Dorf bekannt. Vielleicht ist daran auch etwas Wahres, denn die Realität war noch nie so nah am Fantastischen wie an gemeinsamen Tagen mit ihrer Großmutter.
Vergangenes ist noch lange nicht vergangen in ihrem Dorf, der rumänische Diktator zwar tot, die Revolution vorbei, ein neuer Supermarkt gebaut – aber Freiheit bedeutet das noch lange nicht.
Inmitten von Lügen, Verunglimpfungen und den Erinnerungen ihrer Großmutter wächst Emma auf und kommt der Wahrheit immer näher.

Sonntag, 31. Juli 2016

Erwartungen enttäuscht: Haus der Stummen

Haus der Stummen (orig. The Dumb House)
von John Burnside
2014 Knaus Verlag
ISBN 978-3-8135-0612-9

Ein Mann, besessen davon, zu erforschen, ob Sprache angeboren oder erlernt ist. Ein grausames und bizarres Experiment, das nach der Sage Akbars des Großen, eben dieses offenbaren soll - und dabei den Wahnsinn des kühlen Forschenden immer klarer zu Tage treten lässt.

Donnerstag, 30. Juni 2016

Einfach nur verschwinden: Alles so leicht

Alles so leicht (orig. Paperweight)
von Meg Haston
2015 Thienemann
ISBN 978-3-522-20215-2

Stevie wurde über Nacht von ihrem Vater in ein Therapiezentrum am anderen Ende der USA eingewiesen. Aber sie hat nicht vor, sich helfen zu lassen, ganz im Gegenteil: Mit aller Kraft versucht Stevie ihren Plan umzusetzen, trotz ihres unfreiwilligen Aufenthaltes in der abgeschieden liegenden Wüstenklinik. In 27 Tagen ist es soweit, der erste Jahrestag eines traumatischen Ereignisses kommt näher und Stevie hat nicht vor, ihn zu überleben.
Anna, ihrer Therapeutin, die sie lieber entmenschlicht SK (für Seelenklempnerin) nennt, möchte sie sich nicht anvertrauen. Sie kann nicht darüber sprechen, was zwischen ihr, ihrem Bruder Josh und Eden passiert ist.
Sie verweigert sich der Therapie, dem Essen, ihren quälenden Erinnerungen ebenso wie den freundschaftlichen Annäherungen ihrer fülligen Zimmergenossin Ashley. Denn Stevie hat nicht vor, schwach zu werden, zu essen oder gar weiterzuleben.

Sonntag, 26. Juni 2016

Am Wendepunkt: Nach allem, was ich beinahe für dich getan hätte

Nach allem, was ich beinahe für dich getan hätte
von Marie Malcovati
2016 Edition Nautilus
ISBN 978-3-89401-827-6

Der Polizist Marotti hat trotz einer starken Verbrennung darum gebeten, am Basler Hauptbahnhof wenigstens die Überwachungskameraaufzeichnungen im Auge zu behalten. Immerhin hatte die Kantonspolizei einen vagen Drohbrief erhalten. Nun soll er alle Personen, die sich in irgendeiner Weise auffällig verhalten, sofort seinen Vorgesetzten melden. Nach endlosem, unproduktivem Starren auf graues Monitorgeflimmer, fallen Marotti zwei seltsame Personen auf einer Bank auf: eine elegant gekleidete Frau und ein Mann im römischen Legionärskostüm. Die Frau, Lucy, starrt schon geraume Zeit auf das verblassende Alpenpanorama an der gegenüberliegenden Wand, als sich der verkaterte Simon neben ihr niederlässt. Marottis Neugier ist geweckt – sind die beiden Teil der Aktivistengruppe? Weshalb verharren sie inmitten der Bahnhofshektik stundenlang still auf einer Bank?

Donnerstag, 16. Juni 2016

Inmitten des Zerfalls: Wiedersehen in Paris

Wiedersehen in Paris (orig. Nous dînerons en français)
von Albena Dimitrova
2016 Verlag Klaus Wagenbach
ISBN 978-3-8031-3277-2

Guéo arbeitet für das Politbüro in Sofia, ist ein KGB Absolvent der ersten Stunde, schon als Waisenkind wurde er von den Kommunisten rekrutiert und war ein vielversprechender Fang, der es noch weit bringen sollte. Als er Alba in einem Regierungskrankenhaus kennenlernt, ist er bereits zum zweiten Mal verheiratet. Diverse Söhne hat er mit seinen beiden offiziellen Frauen und einigen seiner Geliebten. Alba hingegen ist erst siebzehn und hat ein gelähmtes Bein. Langsam nähern sich die beiden einander in der privilegierten Atmosphäre an, verbringen Abendessen gemeinsam und teilen ihre Liebe zur Literatur. Guéo versucht vergeblich, Alba mit seinem erstgeborenen Sohn Christo zusammenzubringen – eine zum Scheitern verurteilte Anstrengung, denn sowohl Alba als Guéo sind längst dabei, sich ineinander zu verlieren. Während er an einem grundlegenden Reformprogramm für die Partei arbeitet und der Kommunismus sein letztes Röcheln ausstößt, schotten die beiden allseits überwachten Liebenden sich immer stärker von der Realität ab.

Montag, 6. Juni 2016

Lesung Lukas Bärfuss


Bei den diesjährigen Heidelberger Literaturtagen (ein seit 1994 stattfindendes Literaturfestival, dieses Jahr vom 2. bis 5. Juni) war auch ein Autor dabei, den ich mir nicht entgehen lassen konnte: Lukas Bärfuss. 
 

Donnerstag, 2. Juni 2016

Vorschau-Freude Herbst 2016

 
Es ist schon wieder so weit: Der Sommer rückt immer näher und damit trudeln natürlich auch schon die Vorschauen der Verlage für diesen Herbst ein. Das ist einerseits ein Grund zur Vorfreude auf neue literarische Perlen, die es bald zu entdecken gilt. 

Sonntag, 22. Mai 2016

Was bleibt: Letztes Lied einer vergangenen Welt

Letztes Lied einer vergangenen Welt. Stories (orig. The Tsar of Love and Techno)
von Anthony Marra
2016 Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-51842534-3

Wir lauschen einer Kassette, einem Hörspiel, bestehend aus neun Stories. Es beginnt auf Seite A mit „Der Leopard“, die in den 1930er Jahren vom Künstler und Zensor Roman Markin unter Stalin handelt. Er ist der Beste seines Fachs, so gut, dass sogar Stalin selbst ihn für seine Kunstfertigkeit im Retuschieren seiner Wangen bewundert. Tag für Tag löscht er jede Erinnerung an unliebsame Staatsfeinde aus. Als er jedoch eine Ballerina aus einem Photo herausretuschieren soll, begeht er einen folgenschweren Fehler und belässt ihre Hand unretuschiert.
Vom Schicksal ebenjener Primaballerina in einem Gulag und Jahre später von ihrer Enkelin, die ihrer Großmutter in ihrer Schönheit um nichts nachsteht, liest man in anderen Geschichten. Auch ein Landschaftsgemälde, in das der Retuscheur Markin einen Parteifunktionär hineinmalte, taucht wiederholt auf und verbindet die tragischen Einzelschicksale miteinander. Auf diesem Hörspiel, dieser Kassette, wird das Leben der Menschen in der Sowjetunion bis hin zum heutigen Russland erzählt – Einzelschicksale, welche doch in ihrer Gesamtheit ein reiches Porträt eines Landes und dreier Generationen schaffen.

Donnerstag, 19. Mai 2016

Selbstzerstörerisch: Green Girl

Green Girl
von Kate Zambreno
2014 Harper Perennial
ISBN 978-0-06-232283-8

Die junge Amerikanerin Ruth arbeitet in London als Temp bei Horrids, einem der großen Luxuswarengeschäfte. Tag für Tag bietet sie unwilligen Kunden und Touristen das neueste Parfum eines amerikanischen Starlets an – denn wer möchte nicht einmal „Desire“ versuchen? Sie ist ein Green Girl, verloren in einer fremden Stadt, in der sie immer nur auf der Durchreise ist; verloren in der Arbeit als Parfumspritzerin; verloren in bedeutungslosen One Night Stand Beziehungen. Wer ist unser Green Girl, diese Ruth – dieses Mädchen, das sich halbherzig über Wasser zu halten versucht? Nach was sucht sie, in den tristen Straßen Londons, mit Augen so grau und voll unartikulierter Pein? Sie stolpert durch ihre Tage, durch die überfüllte Londoner Ubahn, ab und an begleitet von Agnes, einer rothaarigen Femme Fatale, welche mühelos alle Blicke auf sich zieht. Die Blicke, denen Ruth sich ausgesetzt fühlt, belästigt und dennoch verlangend nach der Aufmerksamkeit, die diese ihr versprechen, eine Aufmerksamkeit, die aber niemals lange anhält. Widersprüchlich ist Ruth, verloren, verlangend, gleichgültig, sensibel. Ein Green Girl unter vielen, das darauf wartet gesehen zu werden.

Sonntag, 8. Mai 2016

Ein abstruses Experiment: Schöne Seelen

Schöne Seelen
von Philipp Tingler
2015 Kein & Aber
ISBN 978-3-0369-5723-4

Oskar Canow, seines Zeichens Schriftsteller und ironischer Chronist der Züricher High Society, befindet sich seit geraumer Zeit in einer Schaffenskrise. Die er allerdings geschickt kaschiert, indem er stets viele Einladungen zu gesellschaftlichen Events annimmt.
Das Event des Jahres ist in diesem Fall Millvina Van Runkles Beerdigung, eine der letzten Grandes Dames der High Society, deren Abtritt ebenso glanzvoll und exquisit zu sein hat wie ihr Leben selbst. Auf dem Sterbebett offenbarte sie Oskar, welcher als Künstler immer etwas außerhalb ihrer gehobenen Sphäre steht – geduldet, aber niemals wirklich Teil davon –, dass ihre Tochter Mildred in Wahrheit adoptiert ist.
Mildreds Ehe mit Oskars bestem Freund Viktor verläuft währenddessen immer steiniger und ihre Forderung, ihr Mann solle sich doch in Therapie begeben, zieht ungeahnte Folgen nach sich. Denn Viktor denkt nicht daran, seine Zeit mit Therapie zu verschwenden, stattdessen soll doch Oskar die Therapie für ihn machen. Was als absurde Idee beginnt, kann nur in noch abstruserem emotionalen Chaos enden.

Sonntag, 1. Mai 2016

Ein schmaler Grat: Hellwach

Hellwach (orig. Wild Awake)
von Hilary T. Smith
2015 Fischer FJB
ISBN 978-3-8414-2157-9

Um an einem Klavierwettbewerb teilzunehmen, bleibt Kiri daheim zurück, während ihre Eltern in den Urlaub gefahren sind. Mit ihrer Band, bestehend aus ihr selbst und ihrem besten Freund Lukas, wollen sie außerdem an einem lokalen Bandwettbewerb teilnehmen. Alles ist strikt durchgeplant, ihre Klavierübungsstunden, die Bandproben, ihr Tagesablauf. Keine Sekunde bleibt ungenutzt. Vielleicht doch die eine oder andere, wenn sie Lukas anschwärmt.
Doch dann bringt ein Anruf von einem Unbekannten alles durcheinander. Er behauptet, er habe Kiris Schwester Sukey gekannt – ihre tote Schwester, die, über die sie daheim niemals reden. Der unbekannte Anrufer sagt, er habe noch Sachen von Sukey. Kiri ist sprachlos und weiß nicht, was sie tun soll. Ohne es wirklich bewusst entschieden zu haben, findet sich auf ihrem Fahrrad auf dem Weg nach Downtown wieder. Denn es geht ja um Sukey, ihre Sukey. In Downtown wartet allerdings mehr auf Kiri als nur die Wahrheit um ihre Schwester – es wird verrückt, verrückter und wilder, als Kiri es sich je hätte träumen lassen.

Sonntag, 24. April 2016

Nicht hier und nicht dort: Elefanten im Garten

Elefanten im Garten
von Meral Kureyshi
2015 Limmat Verlag
ISBN 978-3-85791-784-4

Eine Familie wandert vom Kosovo in die Schweiz aus. Der Vater geht vor, die Mutter und die drei Kinder kommen nach. Jahrelang leben sie in der Ungewissheit, ob sie nun in der Schweiz bleiben dürfen oder ob sie zurückgeschickt werden. Arbeiten dürfen die Eltern lange Zeit nicht, Anna und Baba sitzen daheim, rauchen und streiten sich. Die älteste Tochter versucht sich anzupassen, will so sein wie die schweizer Mädchen. Ihr schwarzes Haar gegen das Blonde tauschen, ihre abgetragene Kleidung aus zweiter Hand gegen neue, ungetragene. Aber sie ist anders, ihre Familie ist anders und das sieht man ihr nicht nur an, man hört es auch.
Mit dem Wenigen, was sie haben, versucht die Familie über die Runden zu kommen, immer von einer Woche zur nächsten. Nur dazugehören möchte die Erzählerin, ein Mädchen sein wie all die anderen. Gefangen zwischen einer neuen Heimat, in der sie sich fremd fühlt, und einer alten, in der sie nicht mehr zuhause ist; immer anders ist, immer fremd und halb, niemals ganz.

Sonntag, 17. April 2016

Am stillen Meeresgrund: Aquarium

Aquarium (orig. Aquarium)
von David Vann
2016 Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-42536-7

Caitlin ist zwölf und jeden Tag nach der Schule läuft sie ganz allein zum Aquarium. Während sie auf ihre Mutter wartet, sieht sie sich dort die Fische an, die gewöhnlichen wie die absurden Kreationen der Natur. Sie wäre selbst auch gern ein Fisch, unter Tonnen von Wasser begraben am Meeresgrund. Ruhig wäre es, friedlich. Sie müsste sich keine Sorgen mehr um ihre Mutter machen und dass man sie ihr wegnehmen könnte, wenn das Sozialamt erführe, wie viele Überstunden ihre Mutter im Containerhafen macht und dass Caitlin dann immer allein auf sie wartet – im Aquarium mittags, abends und nachts im Auto beim Hafen. Sie haben nicht viel, obwohl ihre Mutter schwer arbeitet, damit sie vorankommen im Leben. Aber sie haben sich. Über ihre Familie redet ihre Mutter nie, bis Caitlin sich im Aquarium mit einem älteren Herrn anfreundet, dessen Auftauchen ihr Leben ins Wanken bringt.

Sonntag, 10. April 2016

Alles wie immer: Alles ist jetzt

Alles ist jetzt
von Julia Wolf
2015 Frankfurter Verlagsanstalt
ISBN 978-3-627-00211-4

Ingrid wohnt schon lange nicht mehr bei ihrer Mutter in der bedrückenden Enge der Vorstadt, geflohen ist sie vor ihr und ihrer Kindheit. Vor dem Mädchen, das sie war und nie mehr sein wollte. Stattdessen hat sie jetzt eine Wohnung in der Stadt, in der auch ihr kleinkrimineller Bruder Gordan Zuflucht gefunden hat. Eine Katze und Ingrids Freundin Jenny sind neben Ingrids Arbeitskollegen in der Live-Sex-Bar, in der sie kellnert, die einzigen Lebewesen in ihrem müde dahin plätschernden Leben.
An Weihnachten wird Ingrid von ihrem Bruder abrupt aus der von ihr jahrelang perfektionierten Gleichgültigkeit gerissen, ein Weihnachtsbesuch bei der verachteten Mutter soll es sein. Der Besuch bleibt nicht folgenlos, die Wand, welche Ingrid von der Welt da draußen abschottet, beginnt zu bröckeln und Erinnerungen an eine lieblose Kindheit zwischen Verlassen werden und Alkohol werden wach.

Donnerstag, 7. April 2016

Verletzlich: 33

33 (orig. 33)
von Kjersti A. Skomsvold
2015 Hoffmann und Campe Verlag
ISBN 978-3-455-40543-9

Eine Mathematiklehrerin zwischen zwei Männern. Der eine ist schon monatelang tot, der andere sehr lebendig, aber weit entfernt. Liebe sucht sie. Ein gemeinsames Leben, doch Ferdinand hat sie noch immer nicht verlassen. Er ist immer noch bei ihr, obgleich tot und begraben. Wie soll sie da einen Neuanfang wagen? Kann sie ihn überhaupt wagen? Gefangen an zwei Enden der Welt kommt K nicht mit ihrem schottischen Cricket Spieler Samuel zusammen, flüchtige Momente stehlen sie sich, zwischen Ferdinand und K’s endlosen Gedankenspiralen. Ein Kind, ja ein Kind zu haben wäre schön. Mutter zu sein. Aber auch hier Zweifel, immer Zweifel. Niemals verstummen die Gedanken, die beunruhigenden Spiralen, die sie doch nirgendwohin führen. Nur immer wieder zurück zu sich selbst.

Sonntag, 27. März 2016

Frühlingshaft und kuschelig: Häschenstofftier

 
Frohe Ostern euch allen! Ostern ist zwar beinahe vorbei, dennoch wollte ich dieses kleine DIY Tutorial für ein niedliches Häschenstofftier mit euch teilen. Es ist relativ schnell genäht (noch schneller, sofern ihr eine Nähmaschine zur Hand habt) und einfach aus vielen Materialien, die man zuhause hat, selbst gemacht. Das Häschen eignet sich als kleines Ostergeschenk an Kinder oder einfach als hübsches Dekostück in der Frühlings- und Osterzeit – und all das, ohne besonders aufwendig in der Herstellung zu sein.
 

Sonntag, 20. März 2016

Impressionen von der Leipziger Buchmesse 2016

 
Letztes Jahr war ich zum ersten Mal auf der Leipziger Buchmesse – alles war so schön klein und übersichtlich, reduziert auf das Wesentliche. Dieses Jahr war ich nun zum zweiten Mal dort und es war wieder einfach grandios! #lbm16

Sonntag, 13. März 2016

Ein Brief – mehr als ein Brief: Und du bist nicht zurückgekommen

Und du bist nicht zurückgekommen (orig. Et tu n’es pas revenu
von Marceline Loridan-Ivens 
2015 Insel Verlag 
ISBN 978-3-458-17660-2

Mit fünfzehn Jahren wird Marceline gemeinsam mit ihrem Vater aus Frankreich deportiert. Sie kommt nach Birkenau, er nach Ausschwitz. 
Inmitten der Unmenschlichkeit, des puren Hasses und des Massensterbens – den eigenen Tod täglich vor Augen, macht Marceline weiter. Erfriert innerlich, um zu überleben. 
Sie sieht ihren Vater noch einmal: Im Sommer 1944 bei der Zwangsarbeit, kommt er in einer Gruppe an ihr vorbei, sie fallen sich in die Arme und büßen mit Schlägen für diesen kostbaren Moment. Ihr Vater schafft es, ihr einen kleinen Brief nach Birkenau zu schmuggeln. Ein Brief, dessen Inhalt sie sofort vergaß und dessen sie sich ein Leben lang zu entsinnen versuchte – vergeblich. Der Brief selbst, verloren wie der geliebte Vater. Nicht zurückgekommen.

Sonntag, 28. Februar 2016

Geheimnisse der New Yorker Unterwelt: Maggie und die Stadt der Diebe

Maggie und die Stadt der Diebe 
von Patrick Hertweck 
2015 Thienemann Verlag 
ISBN 978-3-522-18403-8

1870. Maggie ist ein Waisenkind, sie ist auf dem Land in einem Waisenhaus aufgewachsen, umsorgt nur von den strengen Damen des Hauses. Obwohl sie das Leben im Waisenhaus nicht liebt, ist ihr sofort klar, dass etwas nicht stimmt, als ein Pärchen an der Tür klopft und sich als ihre verschollenen Eltern ausgibt. 
Das sind nie im Leben ihre Eltern! In New York angekommen, schafft es Maggie aus den Fängen der beiden Fremden zu entkommen – nur um im gerüschten Blümchenkleid mitten in den düsteren New Yorker Slums zu stehen. Ohne eine Idee, wo sie ist oder wohin sie rennt, macht sie sich in die Tiefen der Großstadt auf. Auf ihren Fersen folgen ihr aber nicht ihre vermeintlichen Eltern, sondern grobschlächtige Männer mit roten Halstüchern, die sie schließlich in die Enge treiben. Nur durch die Hilfe eines mysteriösen Fremden gelingt es ihr, diesen Schurken zu entkommen. Er schickt sie zu den 40 Little Thieves, einer Kinderbande unter der Leitung des kleinwüchsigen Zwerges Fagin, den alle Goblin nennen. Für letzteren ist ihr Auftauchen eine unschöne Überraschung. Doch Maggie hat ihn noch nie gesehen, woher kann ihm also ihr Gesicht bekannt vorkommen?

Donnerstag, 18. Februar 2016

Zerrissen und doch ganz: The Emerald Light in the Air

The Emerald Light in the Air (dt. Das Smaragdene Licht in der Luft
von Donald Antrim 
2014 Granta Books 
ISBN 978-1-84708-651-8

In sieben tragischen, skurrilen und komischen Geschichten werden uns Menschen vorgestellt, die mit ihrem Selbst hadern, aber nichts mehr als leben wollen. 
„The Emerald Light in the Air“ handelt von einem Kunstlehrer, der von seiner langjährigen Freundin verlassen wurde und sich nun in die Berge aufmacht, um ihre zurückgelassenen Landschaftsgemälde endgültig loszuwerden. 
Ein Ehemann kauft seiner Frau in „Another Manhatten“ einen grotesk teuren Blumenstrauß, während diese mit ihrem Liebhaber und dessen Frau, die zugleich auch die Ex-Geliebte des Blumenkäufers ist, in einem Restaurant auf ihn warten. 
Ein junger Mann versucht sich Tag für Tag an Lyrik, die er in einem Notizbuch namens „Pond. With Mud“ notiert. Er trifft den Vater des Sohnes seiner Freundin und gemeinsam mit dem Jungen betrinken sie sich schweigend in einer heruntergekommenen Bahnhofsbar.

Sonntag, 7. Februar 2016

Wenn etwas fehlt: Schwarz und Silber

Schwarz und Silber (orig. Il nero e l’argento) 
von Paolo Giordano 
2015 Rowohlt Verlag 
ISBN 978-3-498-02531-1

Signora A. ist der Kitt, der die Ehe des Erzählers mit Nora zusammenhält. Ihre Haushälterin, liebevoll auch Babette genannt (nach Tania Blixens Roman), ist etwas altmodisch in Sachen Ehe und idealisiert ihren vor Jahren verstorbenen Ehemann, dem sie noch immer nachtrauert. Wie ihren Mann Renato, so idealisiert sie auch ihre Arbeitgeber und deren kleinen Sohn Emanuele, für den sie viel mehr Großmutter denn eine Kinderfrau ist. 
Doch es kommt der Tag, an dem Babette sich weigert, weiter für das junge Paar zu arbeiten. Nach Jahren glücklichen, familiären Zusammenlebens hat Babette andere Probleme, denen sie sich zuwenden muss. Der Krebs, welchen sie glaubte besiegt zu haben, ist wieder zurück. Auf den Schock und das Leugnen der Signora A. folgt bei ihren Arbeitgebern das ernüchterte Erwachen: Was soll ohne Babette aus ihnen werden, einem Paar, das sich ohne sie nicht mehr sicher ist, was es füreinander empfindet?

Donnerstag, 28. Januar 2016

Vorschau-Freude Frühjahr 2016



Mit diesem Post widme ich mich wieder ganz der Vorfreude über neue Bücher des kommenden Frühjahres und Sommers, auf welche wir uns jetzt schon freuen dürfen.

Sonntag, 17. Januar 2016

Verloren und nicht wiedergefunden: Black Vodka

Black Vodka (orig. Black Vodka
von Deborah Levy 
2014 Verlag Klaus Wagenbach 
ISBN 978-3-8031-3265-9

Zehn Geschichten über moderne Menschen, die alle auf ihre ganz eigene Art verloren sind und versuchen, mit ihrem Schmerz und ihrer Einsamkeit zu leben. 
Die titelgebende Geschichte „Black Vodka“ handelt von einem missgebildeten Werbetexter, dessen Buckel ihn schon immer zum Außenseiter machte - bis eine neue Frau in sein Leben tritt. 
Alice reist in „Schlaglicht“ nach Prag, aber ihr Koffer geht verloren. Der Ballast ihres Koffers ist aber nicht das einzige, das sie am Flughafen hinter sich gelassen hat. 
"Bettgespräche“ erzählt von Ella und Pavel, die zusammen eigentlich so glücklich sein könnten. Wenn Pavel wüsste, was er will, soll er bleiben oder gehen? 
In „Roma“ lesen wir den von einer liebenden Ehefrau, welche in ihren Träumen heimgesucht wird von der vermeintlichen Untreue ihres Mannes.

Sonntag, 10. Januar 2016

Lieblingsbücher des Jahres 2015



Schon wieder ein Jahr vorbei. Nahezu ein Jahr ist es auch bald her, dass ich mit meinen Rezensionen und in direkter Folge dessen, mit diesem Blog begonnen habe.
2015 war ein ereignisreiches Jahr für mich: Ende der Buchhändlerausbildung, zwei Mal Buchmesse (das erste Mal in Leipzig und das dritte Mal in Frankfurt) und der Studienbeginn im Herbst.
Aber auch literarisch hatte dieses, nun vergangene, Jahr viel zu bieten.