Sonntag, 24. April 2016

Nicht hier und nicht dort: Elefanten im Garten

Elefanten im Garten
von Meral Kureyshi
2015 Limmat Verlag
ISBN 978-3-85791-784-4

Eine Familie wandert vom Kosovo in die Schweiz aus. Der Vater geht vor, die Mutter und die drei Kinder kommen nach. Jahrelang leben sie in der Ungewissheit, ob sie nun in der Schweiz bleiben dürfen oder ob sie zurückgeschickt werden. Arbeiten dürfen die Eltern lange Zeit nicht, Anna und Baba sitzen daheim, rauchen und streiten sich. Die älteste Tochter versucht sich anzupassen, will so sein wie die schweizer Mädchen. Ihr schwarzes Haar gegen das Blonde tauschen, ihre abgetragene Kleidung aus zweiter Hand gegen neue, ungetragene. Aber sie ist anders, ihre Familie ist anders und das sieht man ihr nicht nur an, man hört es auch.
Mit dem Wenigen, was sie haben, versucht die Familie über die Runden zu kommen, immer von einer Woche zur nächsten. Nur dazugehören möchte die Erzählerin, ein Mädchen sein wie all die anderen. Gefangen zwischen einer neuen Heimat, in der sie sich fremd fühlt, und einer alten, in der sie nicht mehr zuhause ist; immer anders ist, immer fremd und halb, niemals ganz.

Sonntag, 17. April 2016

Am stillen Meeresgrund: Aquarium

Aquarium (orig. Aquarium)
von David Vann
2016 Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-42536-7

Caitlin ist zwölf und jeden Tag nach der Schule läuft sie ganz allein zum Aquarium. Während sie auf ihre Mutter wartet, sieht sie sich dort die Fische an, die gewöhnlichen wie die absurden Kreationen der Natur. Sie wäre selbst auch gern ein Fisch, unter Tonnen von Wasser begraben am Meeresgrund. Ruhig wäre es, friedlich. Sie müsste sich keine Sorgen mehr um ihre Mutter machen und dass man sie ihr wegnehmen könnte, wenn das Sozialamt erführe, wie viele Überstunden ihre Mutter im Containerhafen macht und dass Caitlin dann immer allein auf sie wartet – im Aquarium mittags, abends und nachts im Auto beim Hafen. Sie haben nicht viel, obwohl ihre Mutter schwer arbeitet, damit sie vorankommen im Leben. Aber sie haben sich. Über ihre Familie redet ihre Mutter nie, bis Caitlin sich im Aquarium mit einem älteren Herrn anfreundet, dessen Auftauchen ihr Leben ins Wanken bringt.

Sonntag, 10. April 2016

Alles wie immer: Alles ist jetzt

Alles ist jetzt
von Julia Wolf
2015 Frankfurter Verlagsanstalt
ISBN 978-3-627-00211-4

Ingrid wohnt schon lange nicht mehr bei ihrer Mutter in der bedrückenden Enge der Vorstadt, geflohen ist sie vor ihr und ihrer Kindheit. Vor dem Mädchen, das sie war und nie mehr sein wollte. Stattdessen hat sie jetzt eine Wohnung in der Stadt, in der auch ihr kleinkrimineller Bruder Gordan Zuflucht gefunden hat. Eine Katze und Ingrids Freundin Jenny sind neben Ingrids Arbeitskollegen in der Live-Sex-Bar, in der sie kellnert, die einzigen Lebewesen in ihrem müde dahin plätschernden Leben.
An Weihnachten wird Ingrid von ihrem Bruder abrupt aus der von ihr jahrelang perfektionierten Gleichgültigkeit gerissen, ein Weihnachtsbesuch bei der verachteten Mutter soll es sein. Der Besuch bleibt nicht folgenlos, die Wand, welche Ingrid von der Welt da draußen abschottet, beginnt zu bröckeln und Erinnerungen an eine lieblose Kindheit zwischen Verlassen werden und Alkohol werden wach.

Donnerstag, 7. April 2016

Verletzlich: 33

33 (orig. 33)
von Kjersti A. Skomsvold
2015 Hoffmann und Campe Verlag
ISBN 978-3-455-40543-9

Eine Mathematiklehrerin zwischen zwei Männern. Der eine ist schon monatelang tot, der andere sehr lebendig, aber weit entfernt. Liebe sucht sie. Ein gemeinsames Leben, doch Ferdinand hat sie noch immer nicht verlassen. Er ist immer noch bei ihr, obgleich tot und begraben. Wie soll sie da einen Neuanfang wagen? Kann sie ihn überhaupt wagen? Gefangen an zwei Enden der Welt kommt K nicht mit ihrem schottischen Cricket Spieler Samuel zusammen, flüchtige Momente stehlen sie sich, zwischen Ferdinand und K’s endlosen Gedankenspiralen. Ein Kind, ja ein Kind zu haben wäre schön. Mutter zu sein. Aber auch hier Zweifel, immer Zweifel. Niemals verstummen die Gedanken, die beunruhigenden Spiralen, die sie doch nirgendwohin führen. Nur immer wieder zurück zu sich selbst.