Sonntag, 22. Mai 2016

Was bleibt: Letztes Lied einer vergangenen Welt

Letztes Lied einer vergangenen Welt. Stories (orig. The Tsar of Love and Techno)
von Anthony Marra
2016 Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-51842534-3

Wir lauschen einer Kassette, einem Hörspiel, bestehend aus neun Stories. Es beginnt auf Seite A mit „Der Leopard“, die in den 1930er Jahren vom Künstler und Zensor Roman Markin unter Stalin handelt. Er ist der Beste seines Fachs, so gut, dass sogar Stalin selbst ihn für seine Kunstfertigkeit im Retuschieren seiner Wangen bewundert. Tag für Tag löscht er jede Erinnerung an unliebsame Staatsfeinde aus. Als er jedoch eine Ballerina aus einem Photo herausretuschieren soll, begeht er einen folgenschweren Fehler und belässt ihre Hand unretuschiert.
Vom Schicksal ebenjener Primaballerina in einem Gulag und Jahre später von ihrer Enkelin, die ihrer Großmutter in ihrer Schönheit um nichts nachsteht, liest man in anderen Geschichten. Auch ein Landschaftsgemälde, in das der Retuscheur Markin einen Parteifunktionär hineinmalte, taucht wiederholt auf und verbindet die tragischen Einzelschicksale miteinander. Auf diesem Hörspiel, dieser Kassette, wird das Leben der Menschen in der Sowjetunion bis hin zum heutigen Russland erzählt – Einzelschicksale, welche doch in ihrer Gesamtheit ein reiches Porträt eines Landes und dreier Generationen schaffen.

Donnerstag, 19. Mai 2016

Selbstzerstörerisch: Green Girl

Green Girl
von Kate Zambreno
2014 Harper Perennial
ISBN 978-0-06-232283-8

Die junge Amerikanerin Ruth arbeitet in London als Temp bei Horrids, einem der großen Luxuswarengeschäfte. Tag für Tag bietet sie unwilligen Kunden und Touristen das neueste Parfum eines amerikanischen Starlets an – denn wer möchte nicht einmal „Desire“ versuchen? Sie ist ein Green Girl, verloren in einer fremden Stadt, in der sie immer nur auf der Durchreise ist; verloren in der Arbeit als Parfumspritzerin; verloren in bedeutungslosen One Night Stand Beziehungen. Wer ist unser Green Girl, diese Ruth – dieses Mädchen, das sich halbherzig über Wasser zu halten versucht? Nach was sucht sie, in den tristen Straßen Londons, mit Augen so grau und voll unartikulierter Pein? Sie stolpert durch ihre Tage, durch die überfüllte Londoner Ubahn, ab und an begleitet von Agnes, einer rothaarigen Femme Fatale, welche mühelos alle Blicke auf sich zieht. Die Blicke, denen Ruth sich ausgesetzt fühlt, belästigt und dennoch verlangend nach der Aufmerksamkeit, die diese ihr versprechen, eine Aufmerksamkeit, die aber niemals lange anhält. Widersprüchlich ist Ruth, verloren, verlangend, gleichgültig, sensibel. Ein Green Girl unter vielen, das darauf wartet gesehen zu werden.

Sonntag, 8. Mai 2016

Ein abstruses Experiment: Schöne Seelen

Schöne Seelen
von Philipp Tingler
2015 Kein & Aber
ISBN 978-3-0369-5723-4

Oskar Canow, seines Zeichens Schriftsteller und ironischer Chronist der Züricher High Society, befindet sich seit geraumer Zeit in einer Schaffenskrise. Die er allerdings geschickt kaschiert, indem er stets viele Einladungen zu gesellschaftlichen Events annimmt.
Das Event des Jahres ist in diesem Fall Millvina Van Runkles Beerdigung, eine der letzten Grandes Dames der High Society, deren Abtritt ebenso glanzvoll und exquisit zu sein hat wie ihr Leben selbst. Auf dem Sterbebett offenbarte sie Oskar, welcher als Künstler immer etwas außerhalb ihrer gehobenen Sphäre steht – geduldet, aber niemals wirklich Teil davon –, dass ihre Tochter Mildred in Wahrheit adoptiert ist.
Mildreds Ehe mit Oskars bestem Freund Viktor verläuft währenddessen immer steiniger und ihre Forderung, ihr Mann solle sich doch in Therapie begeben, zieht ungeahnte Folgen nach sich. Denn Viktor denkt nicht daran, seine Zeit mit Therapie zu verschwenden, stattdessen soll doch Oskar die Therapie für ihn machen. Was als absurde Idee beginnt, kann nur in noch abstruserem emotionalen Chaos enden.

Sonntag, 1. Mai 2016

Ein schmaler Grat: Hellwach

Hellwach (orig. Wild Awake)
von Hilary T. Smith
2015 Fischer FJB
ISBN 978-3-8414-2157-9

Um an einem Klavierwettbewerb teilzunehmen, bleibt Kiri daheim zurück, während ihre Eltern in den Urlaub gefahren sind. Mit ihrer Band, bestehend aus ihr selbst und ihrem besten Freund Lukas, wollen sie außerdem an einem lokalen Bandwettbewerb teilnehmen. Alles ist strikt durchgeplant, ihre Klavierübungsstunden, die Bandproben, ihr Tagesablauf. Keine Sekunde bleibt ungenutzt. Vielleicht doch die eine oder andere, wenn sie Lukas anschwärmt.
Doch dann bringt ein Anruf von einem Unbekannten alles durcheinander. Er behauptet, er habe Kiris Schwester Sukey gekannt – ihre tote Schwester, die, über die sie daheim niemals reden. Der unbekannte Anrufer sagt, er habe noch Sachen von Sukey. Kiri ist sprachlos und weiß nicht, was sie tun soll. Ohne es wirklich bewusst entschieden zu haben, findet sich auf ihrem Fahrrad auf dem Weg nach Downtown wieder. Denn es geht ja um Sukey, ihre Sukey. In Downtown wartet allerdings mehr auf Kiri als nur die Wahrheit um ihre Schwester – es wird verrückt, verrückter und wilder, als Kiri es sich je hätte träumen lassen.