Donnerstag, 10. November 2016

Erwartungen enttäuscht: Florian Berg ist sterblich

Florian Berg ist sterblich
von Janko Marklein
2015 Blumenbar
ISBN 978-3-351-05022-1

Florian Berg beginnt in Leipzig Philosophie zu studieren. Besser gesagt, er versucht es. Denn über einen Monat nach seiner Immatrikulation kann er immer noch keine Kurse besuchen, da diese auf Grund des Lehrkräftemangels nur für Studenten in höheren Semestern zugänglich sind. Er trifft durch Zufall Line, welche ihm mit ihren Connections des StudentInnenrates dann doch noch zumindest ein Tutorium sichert. Aber natürlich tut Line das nicht aus purer Nächstenliebe, scheint sie doch sofort mehr als nur Gefallen an Florian gefunden zu haben. Er kann jedoch nur auf ihr Muttermal an ihrem Mund starren. Dennoch lässt sich dann mit ihr ein, um seines Tutoriums willen. Line ist es auch, die ihm eine WG mit ihrem Ex zuschustert und weiterhin sehr viel mehr von Florian erwartet, als dieser jemals in der Lage sein wird ihr zu geben. Anna Kuszlak, seine Tutorin mit linker politischer Ausrichtung, scheint ihm doch viel eher interessant und obgleich sie stetig ablehnt und zudem vergeben ist, wird Florian nicht müde, sich ihr anzubieten. Auch nicht, als sie nach Südamerika verschwindet.

„Für einen kurzen Moment verspürte Florian den Drang, sich zu melden und zu sagen, dass sie auch so, ganz gleich, ob Schweine fliegen könnten,
die schönste Frau der Welt sei. Dann erschien es ihm jedoch zu aufdringlich.
Zudem war Anna Kuszlak, wie sich Florian schließlich doch eingestand,
sicher nicht die schönste Frau der Welt. Dafür hatte sie zu kurze Beine.“

Lange habe ich mit mir gerungen, eine "Erwartungen enttäuscht"-Rezenseion für „Florian Berg ist sterblich“ von Janko Marklein zu schreiben. Es gelang diesem Debüt nun mal leider absolut nicht, meine Erwartungen (die auch durch sehr euphemistische Inhaltsangabe auf dem Buchrücken und in der Verlagsvorschau gefördert wurde) zu erfüllen. 
Was als vielversprechendes Szenario beginnt – sinnentleertes, zielloses Studentendasein, emotionslose Beziehungen, Rückblenden in eine ebenso lakonische Kindheit und Jugend in der Provinz – weiß leider nicht zu überzeugen.
Grundsätzlich liegt das meiner Ansicht nach an einem Mangel an Drastik und Dramatik, welche weder in der Handlung noch in der oft unfreiwillig komischen, da überbetont sachlichen, Prosa zu finden sind. Alles, jedes noch so schockierend emotionslose Detail, erreicht den Leser in einer Art dumpfem Widerhall. Es gibt keine Spannung, kein Entsetzen, keinen Widerwillen ob dieser Stumpfsinnigkeit, in der der Protagonist Florian sein Dasein fristet. Er wirkt einfach immer irgendwie abwesend, etwas gelangweilt von seinem eigenen unspektakulären Leben, in dem er nichts mit Leidenschaft verfolgt – außer vielleicht, das Mädchen rumzukriegen, auf das er ein Auge geworfen hat (was so überhaupt nicht mainstream ist).
Aber sogar die komischen Passagen, welche wie obiges Zitat das Potential zu einer emotionalen Reaktion auf diesen äußerst distanziert bleibenden Protagonisten hätte, lassen diesen schlicht unsympathisch und uninteressant wirken. So, wie er Annas Schönheit sofort negiert, muss ich diesem Protagonisten seine Plastizität als Romanfigur absprechen, ist er doch schlicht eindimensional.
Kurz und knapp: Dem Autor gelingt es sprachlich nicht, das volle Potential seiner Handlung auszuschöpfen. Man nimmt Florian Berg und sein Leben zur Kenntnis, mäßig interessiert, was denn nun als nächstes in einer Abfolge uninteressanter Begebenheiten geschehen könnte.
Bewegt oder gar zum Nachdenken angeregt hat mich dieser Roman nicht – dazu habe ich von jener Generation der Sinnentleerung und Orientierungslosigkeit schon zu viele, wirklich hervorragende Romane gelesen, die den Leser in ihrer Eindringlichkeit und sprachlichen Brillanz lange verfolgen. „Florian Berg ist sterblich“ ist kein solcher Roman.

Interesse? Hier geht es direkt zum Buch auf der Verlagsseite:

 

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