Sonntag, 29. Januar 2017

Familiendrama par excellence: Das Unglück anderer Leute

Das Unglück anderer Leute
von Nele Pollatschek
2016 Galiani Berlin
ISBN 978-3-86971-137-9

Thiene will doch nur ihren Abschluss in Oxford gebührend entgegennehmen. Aber wie soll sie das machen, wenn sich ein Teil ihrer verrückten Patchwork-Verwandtschaft dafür angekündigt hat? Der schwule Vater, die grantige Großmutter und zu allem auch noch ihre Mutter, die ihren Willen und ihren Helferkomplex gegen alle Widerstände durchsetzt - auch gegen Thienes. So will Frau Mama auch jetzt am Flughafen abgeholt werden, was bei den anderen dreien auf nur wenig Verständnis und dafür auf umso mehr Wutpotenzial trifft. Ist es denn zu viel verlangt, dass die exzentrische Mutter sich wenigstens zu diesem Anlass, der ganz allein Thiene gehören sollte, zurücknimmt? Scheinbar schon, denn durch einen waghalsigen Spaziergang auf der Autobahn schafft sie es doch tatsächlich bei einem Unfall zu sterben. Thienes Abschluss ist überschattet vom unnötigen Tod der Mutter, die es selbst im Tod geschafft hat, sich erfolgreich in den Mittelpunkt zu drängen.

„Stattdessen tat ich etwas Unerhörtes; etwas, was zugleich lächerlich offensichtlich 
und vollkommen überraschend war. Ja, ich tat etwas Geniales. Langsam und kontrolliert hob ich beide Hände in die Höhe. Ich streckte meine Zeigefinger aus und steckte sie tief in die Ohren, (...) Wer hätte gedacht, dass es die erwachsenste Entscheidung meines Lebens sein sollte, 
mir die Finger in die Ohren zu stecken?“

Nele Pollatschek hat bereits mit ihrem Debütroman „Das Unglück anderer Leute“ etwas geschafft, das nur wenigen Autoren gelingt: Sie hat eine wahrhaft amüsante, sich nicht allzu ernst nehmende Satire über die kleinen und großen Verrücktheiten von Familien geschrieben. Wirklich witzig zu sein ohne dabei die nötige Tiefe oder den gebotenen Ernst zu ermangeln, der dem Gesagten dann das Gewicht verleiht, nicht nur kurzlebige Ablenkung, sondern auch Anstoß zur Reflexion zu geben – das kann nicht jeder.
Das Familiendrama wäre auch ohne den Tod der egozentrischen Matriarchin ausreichend gegeben – ihr plötzlicher und völlig unnötiger Unfalltod beenden den prekären Waffenstillstand zwischen den Familienmitgliedern allerdings abrupt und verheißen Thiene sehr viel mehr Zeit mit der lieben Verwandtschaft als ihr Recht ist. So fällt ihr beispielsweise die zweifelhafte Ehre zu, ihrem jüngeren Stiefbruder und der Stiefschwester im Kleinkindalter (beide natürlich von unterschiedlichen Vätern, alles andere wäre der Mama zu normal gewesen) beizubringen, dass sie plötzlich keine Mutter mehr haben.
Die Patchworkfamilie, mit der sie ihre Leser dabei konfrontiert, könnte kaum verrückter oder prall gefüllter mit absurden und sich konterkarierenden Persönlichkeiten sein – die ewig jung gebliebene, egozentrische Mutter (immer auf Krawall gebürstet), der schwule Zauderer als Vater, der verständnisvolle Lebenspartner desselben, die alkoholkranke Großmutter, ein verschüchterter Teenager, ein höchst religiöser weiterer Kindsvater ... Dabei gelingt es ihr jedoch, ihre Figuren nicht nur klischeehaft knapp und treffend zu charakterisieren, sondern Zeile für Zeile mit Leichtigkeit Tiefen zu deren Persönlichkeiten hinzuzufügen wie zu einem hervorragenden Blätterteig. Bis zum Ende hin gehen Nele Pollatschek die Absurditäten nicht aus, gegen welche sie ihre familiär geschädigte Protagonistin Thiene ankämpfen lässt.
Ein absolut geniales Lesevergnügen und eine neue literarische Stimme, von der ich gerne mehr hören möchte!

Interesse? Hier geht es zum höchst amüsanten Roman auf der Verlagsseite:
 

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