Sonntag, 5. März 2017

Von Helden und Hexen: All the strangest things are true.

All the strangest things are true. (orig. Wink, Poppy, Midnight)
von April Genevieve Tucholke
2017 Thienemann Verlag
ISBN 978-3-522-20232-9

Midnight will Poppy. Poppy will aber Leaf. Leafs Schwester Wink, von der ebenso schönen wie grausamen Poppy nur Wildviech genannt, mag Midnight. Als Midnight nach einem Jahr klar wird, dass Poppy nur mit ihm spielt, sie seine Gefühle nicht erwidert und sich im Grunde nicht mal wirklich für ihn interessiert, versucht er sich ihrem Bann zu entziehen. Das hingegen gefällt Poppy gar nicht, deren Herz, seitdem sie von Leaf abgelehnt wurde, verschlossen ist. Sie kann nicht zulassen, dass sich jemand – und sei es nur Midnight, den sie insgeheim und auch offen für seine Gutherzigkeit und Emotionalität verachtet – von ihr abwendet. Poppy braucht die Aufmerksamkeit, die Verehrung und das Begehren der anderen. Wink hingegen ist naturverbunden, verträumt und liebt die Geschichten, die sie ihren (Adoptiv-)Geschwistern vorliest. Sie kann sich verlieren in Büchern über tapfere Helden und Monster, die es zu besiegen gilt. Vielleicht ist Poppy in ihrer Grausamkeit auch solch ein Monster. Aber wenn Poppy das Ungeheuer dieser Geschichte ist und Midnight der strahlende Ritter, welche ist dann Winks Rolle in diesem Märchen?

„Jede Geschichte braucht einen Schurken.
Der Schurke ist ebenso wichtig wie der Held, vielleicht sogar wichtiger. (...) 
In all diesen Büchern kam ein Schurke vor. Die weiße Hexe. Die böse Hexe. (...)
 Ich brauchte Mims Teeblatt-Orakel nicht, um den Schurken meiner Geschichte zu erkennen. Die Böse hatte blonde Haare und das Herz des Helden im Ärmel.
Sie hatte Zähne und Krallen und einer Silberzunge 
wie der säuselnde Teufel in Ash und Grim.“

In ihrem Jugendbuch „All the strangest things are true.“ erzählt April Genevieve Tucholke die Geschichte eines Sommers, ein modernes Märchen von Außenseitern und junger Liebe. So scheint es zumindest. Es geht zwar um Liebe, aber auch um Zurückweisung, um unerwidertes Begehren und nicht zuletzt um Macht. Denn Poppys Schönheit gewährt ihr genau diese über alle in ihrem Umfeld. Von den reichen Ärzteeltern als Goldkind verhätschelt, von ihren „Freunden“, den sogenannten Gelben, als elitäre Clique in ihren Demütigungen unterstützt, von der Masse der Jugendlichen verehrt. Engelsgleich mit langem blonden Haar, milchig weißer Haut und ihrem Duft nach Jasmin, liegen ihr Erwachsene und Jugendliche gleichermaßen zu Füßen. Nur der eine, den, den sie wirklich wollte, den sie vielleicht sogar liebt, den schweigsame Leaf, ist nicht geblendet von ihrer Schönheit. Er blickt hinter ihre Fassade, sieht bis hinab in ihre schwarze Seele. Als er geht, wendet sich Poppy Midnight zu. Seine Liebe schmeichelt ihrem Ego, aber erwidern kann sie sie nicht – für sie ist alles nur ein Spiel.
Nachdem Midnight gegenüber von Wink und Leafs Familie einzieht und genug hat von Poppys Spielchen, will sie nicht noch einen Verlust ertragen, also stiftet sie Midnight an, sich mit der Außenseiterin Wink anzufreunden. Dass er die verträumte Wink mit ihren wilden, roten Locken in ihrer Natürlichkeit dann aber so sehr mögen könnte, überrascht Midnight selbst – und Poppy könnte nicht zorniger sein. Auf einen grausamen Streich soll ein weiterer folgen, doch dieser gerät katastrophal außer Kontrolle und die Situation eskaliert.
Eine scheinbar unschuldige Geschichte, mit auf den ersten Blick stereotyp wirkenden Figuren. Doch „All the strangest things are true.“ ist weit mehr als das: Ganz langsam zieht einen der seltsame und doch ein wenig zauberhafte Erzählstil Tucholkes, der jeder der drei Hauptfiguren eine eigene, distinktive Stimme verleiht, in den Bann. Hinein in die sich widersprechenden Emotionen von Midnight, der Poppy für ihre Kaltherzigkeit zu hassen beginnt, aber sie noch immer begehrt; Poppys traurige Wahrheiten, ihr Egoismus und zunehmend deutlicher werdenender Selbsthass verschlagen einem den Atem, während Winks abgehobene Gutherzigkeit mehr und mehr Risse bekommt. Ist alles so einfach, wie es scheint? Ist Poppy der Bösewicht, das Ungeheuer dieser Geschichte? Oder gibt es da ein Geheimnis, eines, von dessen Existenz der Leser noch nichts ahnt? Schließlich ist diese Geschichte, wie alle wahren Geschichten, sehr viel komplexer als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Wer sich gerne überraschen lässt, sollte diesem seltsamen Märchen, das kein Märchen ist, eine Chance geben.

Interesse? Hier geht es zum Buch auf der Verlagsseite:

Im englischen Orignial (ab April im Taschenbuch) findet ihr „Wink, Poppy, Midnight“ hier:

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